Stilmittel des Expressionismus

Einführung:

An dieser Stelle möchte ich mich mal explizit den Stilmitteln des Expressionismus widmen. Denn sie sind ohne Frage das, was am augenscheinlichsten ist. Und die wenigste Literatur oder auch Kunst entspricht dem Inhalt nach vollkommen dem Expressionismus. Oft finden sich aber die Motive und Stilmittel in anderen Stilrichtungen und Kunstformen wieder. Unter anderem auch im Film und sogar in der Architektur. Das heißt hier soll einmal folgender Frage nachgegangen werden: „Welche Darstellungsmittel entwickelte/verwendete der literarische Expressionismus?“

Wortkunst und Abstraktion

Zu den offensichtlichsten Stilmitteln gehören die Abstraktion und die Wortkunst. Der literarische Expressionismus ist bekannt dafür, bestimmte Wörter neu zu erfinden bzw. neu zu arrangieren und ihnen damit eine ganz neue Wirkung zu verpassen. Oder er bedient sich von vornherein Wörtern, die eine eigene Wortmusik besitzen. Das kann z.B. am besonderen Klang der Wörter liegen. Mir fällt an dieser Stelle der „Korybanten-Tanz“ aus Heyms „Gott der Stadt“-Gedicht ein. Denn dass das Wort schon früher nicht gerade geläufig war, bin ich mir sicher. Für das Positionieren bekannter Wörter in neuen Kontexten ist Gottfried Benn ein gutes Beispiel. Hier ein Beispiel aus seiner Novelle „Gehirne“: „[…] Zwischen die Straßen rinnt Nacht, über die weißen Steine blaut es, es verdichtet sich die Entrückung; die Sträucher schmelzen, welches Vergehn! […]“ Wir hieraus zu entnehmen ist, finden Wörter wie die Farbe Blau eine ganz neue Bedeutung. Aus dem Attribut blau wird hier ein Verb gemacht. Dadurch wird außerdem ein hoher Grad an Abstraktion erreicht, der auch sehr typisch für den Expressionismus ist. Weiterhin werden Dingen Eigenschaften zugesprochen, die sie im eigentliche Sinne nicht besitzen. Sie werden nicht selten Personifiziert. Hier auch erkennbar, denn die Nacht blaut. Indem man der Nacht eine solche Handlung unterstellt, erweitert man sie um weitere Bedeutungsebenen, die weit tiefer liegen als sie zunächst vermuten lassen. Durch das Entfremden, der Nacht von ihrem eigentlichen Wesen, rückt man diese entweder in das Blickfeld der Betrachtung, das heißt dass das Wort Nacht in dem Falle nicht einfach heruntergelesen wird, sondern man beginnt in einer neuen geläuterten Form darüber nachzudenken. Solche Prozesse laufen natürlich in viel schnellerer Form beim Lesen ab, als ich diese hier ausführe. Oder man setzt den Begriff in ein neues Verhältnis. Man denke hier an Gedichte von Benn wie „kleine Aster“. Es vereint das Schöne in Form der Blume mit dem Hässlichen in Form des toten Bierfahrers. Das vermeintlich Unvereinbare erscheint in einer Konstellation, die es erfordert sich eine neue Vorstellung darüber zu bilden. Man spricht hier vom Vereinen des Disparaten und der Simultanität was so viel wie Gleichzeitigkeit bedeutet. An dieser Stelle beginnt es nicht selten kompliziert zu werden. Bedingt durch den hohen Grad an Abstraktion sowie die Herstellung einer neuen Beziehung zwischen Dingen und Sachverhalten, die zunächst unvereinbar erscheinen.  Ich habe hier versucht einige Aspekte des expressionistischen Stils darzustellen. Selbstverständlich gibt es noch eine riesige Reihe weiterer Stilmittel, die aus anderen Epochen und Strömungen bekannt sind. In der Regel bedient sich der Expressionismus dieser aber dieser anderen Stilmittel um etwas „Neues“, das Alte zerstörende zu entwickeln. In den meisten Fällen sind die Stilmittel wohl der Abstraktion geschuldet.  Diese Abstraktion ist kein Selbstzweck, sie dient vielmehr der Abbildung und Herstellung von Sinnzusammenhängen, die auf konventionellem Wege nicht oder nur schwer erreichbar wären. Das heißt durch den Weg in die Abstraktion eröffnen sich neue Sphären, die es ermöglichen Emotionen in einer neuen, intensiveren Weise abzubilden.

Reihungsstil

Der Reihungsstil (oder Simultanstil) ist in dem Sinne nicht typisch expressionistisch, wird aber im Expressionismus gern und häufig verwendet. Er stammt aus dem Impressionismus, der ja bekanntlich versuchte Eindrücke aus sehr kurzen Augenblicken in ihrer flüchtigen Form festzuhalten. Man denke hier nur an die zahlreichen Gemälde des Impressionismus. Die Farben sind unscharf, sie leuchten, verschwimmen ineinander, es entsteht der Eindruck man hätte nur kurz seinen Blick über eine Szene dieser Art schweifen lassen. In einem kleinen Augenblick rauscht eine große Fülle an Eindrücken und Informationen am Leser vorbei. Das führt natürlich auch dazu, dass Dinge in neue Verhältnisse gesetzt werden. Das Gedicht „Weltende“ von Jakob van Hoddis ist ein Beispiel hierfür. Es wirkt schon fast surrealistisch, weil die einzelnen Zeilen des Gedichtes keinen Zusammenhang zu besitzen scheinen. Der logische Zusammenhang ist nicht herstellbar. Außerdem zeichnet sich der Stil dadurch aus grammatische Regeln zu durchbrechen. Das äußert sich in einer abgehackten Schilderung, die nicht selten eigenen Regeln folgt. „Die Dämmerung“ von Alfred von Lichtenstein ist hierfür auch ein geeignetes Beispiel.

Gefühlsintensität und Ekstase

Jedes Thema, jede Handlung die der Expressionismus darzustellen versucht wird quasi übertrieben. Es gibt kein vielleicht, kein wenig, keine Zurückhaltung. Der Expressionismus in seiner reinen Form versucht immer alles in ekstatischer Form wiederzugeben. Ein Grund dafür warum sich der Expressionismus oft um Rausch, Untergang und dergleichen dreht. Man kann vielleicht sagen, dem Expressionismus fehle das Objektive vollkommen. Nicht nur dass er alles aus höchst subjektivierter Sicht beschreibt, er zerstört sogar noch durch seine Art der Darstellung jede Vorstellung des „Realen“. Die Schilderungen werden so realitätsfremd, dass es scheint als konstruiere der Expressionismus eine ganz eigene Welt. Damit schafft der Expressionismus jedoch nicht einfach nur irreale Welten, denn der Leser wird zustimmen können, dass Schilderungen nach Art des Expressionismus eben so viel Wahrheit besitzten, weil sie nachvollziehbar und „fühlbar“ sind. Nur eben in einer wie erwähnt stark subjektivierter Sichtweise. Ganz nach dem Motto: „Nicht verstehen, sondern einfach Fühlen“.

Farben als Symbole und Stimmungsträger

Der expressionistische Stil ist von hoher Bildlichkeit und Metaphorik gekennzeichnet. Bei der Ausformung dieser Bildlichkeit kommt oft eine Farbsymbolik zum Ausdruck. Die Farben werden in diesem Zusammenhang genutzt um Stimmungen zu verstärken oder zu schaffen. Dies kommt auch dem Reihungsstil zugute, der ohnehin an den Farbreichtum des Impressionismus angelehnt ist. Hier möchte ich auch wieder auf Gottfried Benn verweisen, der durch seine Darstellungen der Farbe Blau bekannt geworden ist. Für ihn hat diese Farbe etwas Entgrenzendes, sie hat die Macht Strukturen aufzulösen, sie ist dem Rauschhaften geschuldet. Eine genaue Definition darüber, was Benn wirklich mit seiner ausdrücklich „blauen“ Metaphorik bewirken möchte, existiert in dieser Form nicht. Entweder man hat Zugang zu dieser Darstellungsart und kann nachfühlen worum es Benn geht. Oder man überliest es schlichtweg als unverständliche Floskel. In der Malerei ist der Expressionismus sehr stark mit dem Fauvismus verwandt. Da geht man auch mit knalligen und flächigen Farben um, um das Natürliche in die Bedeutung aufzunehmen.  Dabei geht es um die natürliche Emotion bei einer Farbe. Sprich es gibt die kulturell geprägten z.B. Rot = Gefahr, die auch biologische Zusammenhänge offenbaren, z.B. dass das Auge mehr Rezeptoren zur Aufnahme für Rot als für Blau hat. Aber auch das Gefühl was bei einer Farbe entsteht und das kann ganz persönlich ausfallen. Um es mal runtergebrochen zu sagen: Als Kind hat man eine Lieblingsfarbe, weil man damit etwas emotionales verbindet. „Ich mag blau, weil…“. Natürlich hat kein Erwachsener noch eine Lieblingsfarbe. Aber es zielt in eine ähnliche Richtung.  Das heißt sucht man nach der Bedeutung sollte man vor allem im Kontext der auftauchenden Farbe schauen. Taucht die Farbe an Stelle X auf, wobei Y beschrieben oder charakterisiert wird, ist das höchstwahrscheinlich ein Indiz dafür, was mit der Farbe gemeint ist

Auflösung der Sinne

Die Wahrnehmung mit allen Sinnen spielt eine große Rolle in der Literatur des Expressionismus. Wie bereits erwähnt, sind Personifikationen eine Möglichkeit einem Ding oder Lebewesen neue wahrnehmbare Komponenten zu verleihen, die außerhalb der normalen Wahrnehmung durch die Sinne stehen. Es finden sich aber noch deutlichere Akzentverschiebungen in der Anordnung und Wahrnehmung der Sinne. Man gewinnt den Eindruck, beispielsweise eine Farbe zu spüren, indem assoziativ eine Verknüpfung stattfindet. Ein Beispiel, das nicht aus dem Expressionismus stammt ist die Geläufigkeit, dass man annimmt die Farbe Rot stehe für Wut und Ekstase. Außerdem spricht auch die Anordnung der Eindrücke, die ich oben beschrieben habe, für die Auflösung der Grenzen der Sinne. Indem Sinne wie das Sehen mit völlig neuen Eindrücken konfrontiert werden, werden gleichzeitig die Grenzen des Sinnhaften aufgelöst und durchstoßen, wodurch wieder ein hoher Grad an Abstraktion erreicht wird.    Dir hat diese Erklärung geholfen, oder wichtige Aspekte wurden nicht beleuchtet? Lass es mich wissen.

Weiterlesen

Wer sich über diese Erklärung hinaus für den Expressionismus interessiert, dem kann ich von UTB „Literarischer Expressionismus“ empfehlen. Das hat mir damals im Studium als Einführung sehr geholfen.  Wer ein wenig expressionistische Literatur direkt lesen will, dem empfehle ich Gottfried Benns „Gehire“, gibt es ganz günstig von Reclam und ist ein wirklich guter Einstieg in den harten Kern des Expressionismus. Gottfried Benn war einer der wenigsten, die lange nach Ende der Epoche noch am Expressionismus festhielten. Wer noch mehr über Gottfried Benn wissen möchte, oder mehr Informationen zu Gattungen im Expressionismus sucht, dem empfehle ich meine Arbeit über die Novelle bei Gottfried Benn. Die Novelle ist für den Expressionismus eine eigentlich untypische Form, die vor allem im Naturalismus sehr beliebt war. Doch Benn gelingt es eine ganz eigene Interpretation der Novellenform zu schaffen.