Nietzsche Rezeption in der Moderne

Nietzsche und die Moderne.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche erlangte zur Zeit der Jahrhundertwende eine Breite Aufmerksamkeit bei der Gesellschaft. Er war bekannt in den Bereichen Psychologie, Philosophie und Literatur. Um 1900 kann man geradezu von einer Pflichtlektüre Nietzsches sprechen. 
Thomas Mann, Bertolt Brecht, Robert Musil, Franz Kafka, Arthur Schnitzler, Gottfried Benn, alle kannten sie seine Werke. 
Nietzsche erreichte es, dass sich Themen aus Werken wie Also sprach Zarathustra zu regelrechten Kernmotiven der Literatur der Moderne entwickelten. Er predigt den Literaten die Unmoral, das Rauschhafte, den Vitalismus und den berühmten Übermenschen, der nach Macht strebt. Seine Werke haben nicht umsonst Hochkultur in der Moderne. Es sind Themen die den Nerv der Zeit treffen. Und das auch schon vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges. Ein großer Umbruch der gesellschaftlichen und persönlichen Werte hat während der Moderne durch den Pluralismus bedingt begonnen. 

Pluralismus.
Der Pluralismus ist die Erscheinung der Moderne, die ein Legitimationsproblem in der Gesellschaft entstehen ließ. Im Grunde ist der Pluralismus die Möglichkeit, sich gegenseitig teilweise ausschließende Ansichten nebeneinander existieren zu lassen. Es ist also möglich nicht nur eine Geisteshaltung einzunehmen. Man erkennt, dass die Welt eine Vielzahl von Perspektiven annehmen kann, je nachdem welche man wählt, sei es in Normen und Lebenseinstellungen, der Berufswahl, der Moral oder dem Verständnis der Welt an sich. Deshalb spricht man im Zusammenhang mit Nietzsche auch vom Tod Gottes. Sein Nihilismus propagiert eine Sinnlosigkeit des Lebens, das heißt die Frage nach dem eigentlichen Sinn des Lebens wird bereits als sinnlos in Frage gestellt. Vitalismus steht für das Lebensbejahende, das mag zunächst paradox erscheinen, es meint allerdings das Leben als Selbstzweck. Man lebt um zu leben eine Vorstellung wie Religion oder Gedanken über höhere Sinnzusammenhänge finden in dieser Ansicht keinen Platz.
Führt man eine solche weiter, ergibt sich, dass die endlose Zahl an verschiedenen Leben, die man führen könnte und Ansichten und Möglichkeiten wie auch scheinbare Zusammenhänge die sich ergeben, einfach nicht kontrollierbar sind. Es stellt sich die Frage, ob in einem Chaos, das aus willkürlichen Beeinflussungen besteht, überhaupt einen Zusammenhang aufweist. 


Identitätskrise.
Damit gerät die Persönlichkeit eines jeden einzelnen Menschen in die Kritik. Als Vergleich kann man hier erwähnen, dass man einem an Schizophrenie erkrankten Menschen unterstellt, nicht etwa eine Vielzahl neuer Persönlichkeiten herausgebildet zu haben, sondern dass die zahlreichen Persönlichkeitsfacetten, die jeder Mensch besitzt in ein Ungleichgewicht geraten sind, beziehungsweise in nicht mehr kontrollierbar sind. Der Mensch wird dadurch unfähig zu leben. 
In der Moderne gibt es Literaten, die im übertragenden Sinne in jedem Menschen der Moderne eine solche Form des Bewusstseins wiedererkennen. Exemplarisch sollte hier Gottfried Benn erwähnt werden, der mit seiner Arztfigur Rönne (Novellen: Gehirne) eine solche pathologische Lebenseinstellung nachzeichnet. 
Es gibt auch andere Wege diese Unbewusstsein des Sinns literarisch zu verarbeiten. Eine unnachahmliche Ausprägung dieser Darstellung der unbekannten Macht, die alles in der Hand hat, liefert Franz Kafka. In seiner Literatur scheinen die Geheimnisse des Lebens auf einer höheren Macht zu beruhen der wir unterliegen. Nicht im Sinne eines höheren Schöpfers, es ist eher eine Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber allen unbekannten Zusammenhängen, die ihn umgeben. Seine Figuren kämpfen dagegen an, verlieren oder resignieren. Einmal offenbart sich diese Machtlosigkeit gegenüber einer undurchschaubaren Bürokratie (Der Prozess), oder sie sitzt scheinbar in einem unerreichbaren Teil der Welt, der die Geheimnisse weder erkennen noch aufdecken lässt (Das Schloss). 

Der Chandos-Brief
Manche Schriftsteller gehen mit ihrer Skepsis so weit, dass sie an der Sprache an sich zweifeln. Kann die Sprache die Wirklichkeit überhaupt angemessen wiedergeben? Behindert möglicherweise die Erfassung der Welt durch die Sprache unsere Wahrnehmung? Man spricht hier auch von einer aufkommenden Sprachverzweiflung/Sprachskepsis. 
Der Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal gilt hier als literarisches Zeugnis des Gesamtproblems. Hier führt ein Brief von Francis Bacon an einen Lord Chandos zur Offenbarung der Krise. Ihm sei für sein literarisches Schaffen die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Ein klagt über ein geistlos und gedankenloses Dasein. 


Sinnkrise in den Strömungen der Literatur
Diese macht sich in zahlreichen Werken der Literatur bemerkbar und nimmt ganz eigene Formen, je nach Strömung an. Die Dadaisten beispielsweise verwenden eine eigentlich Sinnentleerte Sprache durch Form- und Lautgedichte. 
Der Surrealismus beispielsweise ist Einstellung, die sich völlig der Willkür und dem Unbewusstsein hinzugeben scheint. Der Sinn wird hier im Unbewussten des Menschen gesucht. Ein Werk was in diesem Bereich große Aufmerksamkeit erlangt hat, waren die Theorien vom Psychologen Freud zum Unbewussten des Menschen. 
Der Naturalismus sucht die Zusammenhänge in der Natur des Menschen, in der Biologie wie auch den allgemeinen Umständen, die ihn beeinflussen. 
Der Expressionismus setzt sich in einer Weise mit dieser Krise auseinander, die diese Krise immer wieder zum Kernthema macht. Die Sinnlosigkeit wird als Verlust empfunden, aber ebenso als für die Moderne charakteristisch und natürlich. Ein Ventil wie auch Ausdrucksmittel hierfür ist die Form. Vor allem die Lyrik feiert im Expressionismus einen großen Aufstieg. 
In allen entstehenden Strömungen der Literatur experimentiert man mit neuen Perspektiven zur Findung einer neuen, den Umständen adäquaten Ausdrucksform.

Gedicht 1886 – Gottfried Benn

Im folgenden soll das Gedicht „1886“ vom Expressionisten Gottfried Benn näher untersucht werden. Unter dem Aspekt auch allgemeingültige Aussagen über seine Lyrik und die der Moderne und dem Expressionismus zu treffen. [Leider kann ich das Gedicht selbst aus Urheberrechtsgründen nicht zur Verfügung stellen]
Das Gedicht von Benn entstand 1944. Zusammengefasst ist es eine Biographie. Die Formgestaltung bedient sich dabei der Collage, einer Form die bis dato in der Lyrik ungewöhnlich ist. Bevor ich auf den Text selbst eingehe, werde ich noch ein paar allgemeine Zusammenhänge und Rahmenbedingungen skizzieren.

Moderne sprengt lyrische Formen

Bis in die Moderne, die etwa um 1900 in Deutschland in der Literatur beginnt, überwiegen klassisches Pathos und strenge Formen die Literatur. Doch bereits der Naturalismus hat damit begonnen neue Formen in die strenge Lyrik vergangener Jahrhunderte einzuführen. Ein absoluter ist hier Arno Holz mit seiner „Revolution der Lyrik“. Er forderte eine Annäherung an einen natürlichen Rhythmus der Sprache. Diese Vorstellung liegt beispielsweise der strengen Form des Sonettes fern. Hier werden Metrum, Reim und Strophenzahl streng vorgeschrieben. Man versuchte in der Moderne sich von Formen wie dieser abzuwenden. Die Begründung dafür liegt ihm neuen Lebensgefühl der Moderne. Sie versteht sich als eine vorwärtsgewandte Lebenshaltung, die den absoluten Anspruch an das Leben in der Gegenwart stellt. Konzepte wie die Formsprache des Mittelalters oder der Antike ließen sich damit nicht vereinbaren. 

Neue Formen

So entdeckte die Moderne eine Menge neuer Formen für sich. Man experimentierte und es bildeten sich im Wesentlichen zwei Lager heraus. Die rückwärtsgewandten Renaissancen, die nicht so recht mit der Vergangenheit brechen wollten. Sie versuchten alte Formen in die Gegenwart zu übertragen. Ein Beispiel hierfür sind beispielsweise die Anhänger des Symbolismus. Bei diesem Lager der Autoren handelt es sich zwar dem Inhalt nach um moderne Literatur. Die Form nimmt aber Bezug auf vergangenes. Diese Haltung wurde von den konsequent modernen Autoren verächtlich als Epigonentum bezeichnet. Nach ihrer Ansicht lassen sich Geisteshaltungen der Klassik und Antike nicht mehr in der Moderne nachweisen. Die Folge sei eine Delegitimierung von Form und Inhalt. Eine Literatur, die dies nicht akzeptiere kann damit keine reale sein. Sie verliert sich im Nachhängen an der Vergangenheit. Dies wird unter anderem dem Symbolismus in gewisser Weise vorgeworfen.
Die Avantgarden versuchten stattdessen den absoluten Modernismus auszuleben und alles neue zu probieren. Auch die Form der Collage wie in diesem Gedicht Benns ist ein solcher Ausdruck dieses Modernismus. 

Form Gottfried Benns 1886

Es handelt sich beim Gedichts Benns um ein Montagegedicht. Es setzt sich aus Textteilen einer Zeitung zusammen. Doch die Textteile stehen in keinem willkürlichen Verhältnis zueinander. In ihrer Gesamtheit und Konstellation geben sie die Ereignisse des Geburtsjahres Gottfried Benns wieder. Dadurch, dass Benn diese Texte quasi aus zweiter Hand nimmt, entziehen sie sich der Subjektivität. Was nicht bedeutet, dass sie nicht expressiv sein können. Es handelt sich damit um eine erlebnishafte Schilderung der Umstände um Benns Geburt im Jahr 1886. Der Bruch mit der Vergangenheit ist überdeutlich. Was zuvor als durchkomponiertes Gesamtkunstwerk erstrahle, wird hier auf den Inhalt einer Zeitung reduziert. 
Auffallend ist jedoch der Eingang des Gedichtes. Er beginnt mit der Schilderung allgemeiner Sachverhalte wie dem Wetter. Denkt man hier an die Lyrik des Mittelalters mit ihren Natureingängen in der Minnelyrik so lassen sich möglicherweise Parallelen entdecken. 
Die Leistung ein Gesamtkunstwerk entstehen zu lassen wird in diesem Gedicht scheinbar nicht  mehr vom Autor selbst vollbracht, sondern vom Leser. Er stellt assoziativ und semantisch einen Zusammenhang zwischen den Textzeilen her. Damit steht sich in der Form der Gegensatz von Heterogenität und Homogenität gegenüber. Dabei werden auch Effekte der Ironie erzeugt, wenn bestimmte Zeilen des Gedichtes aufeinander treffen.


Weiteres über Benn

Benn gehört zu den interessantesten Expressionisten der Literatur. Er war einer der wenigen Autoren, die auch nach dem Jahrzehnt des Expressionismus etwa 1910 bis 1920 weiter experimentierten, als andere Autoren die Strömung bereits als ideologisch überholt aufgaben. Er gilt als der Entwickler der „absoluten Prosa“. Dabei handelt es sich um eine Verwendung der Sprache, die in der Lage ist sich eigene Konstrukte zu schaffen, eine eigene Welt wenn man so will, in der alles so logisch, geschlossen und widerspruchsfrei ist, wie das Individuum sich dies für den Aufbau einer konsistenten Identität erhofft. Damit ist er einer der Autoren, die sehr aktiv an der Gestaltung moderner Lyrik mitgewirkt haben. Auch im Bereich der Epik, die von Expressionisten relativ selten bearbeitet wurde, gilt er als ein Wegbereiter moderner Erzählkunst. Besonders hervorheben möchte ich die Novellensammlung „Gehirne“ auf die möglicherweise noch eingegangen wird.

Moskau – Sergei Alexandrowitsch Jessenin



Mein treuer Hund, du liegst schon unterm Grase. 

Längst unbewohnt, bist du mein Vaterhaus. 
Ja hier, in Moskau, auf der Straße, 
Hauch ich, wenns Gott will, meine Seele aus. 

Ja, ich lieb Moskau, diese Stadt: verquollen.
Und versumpft, nun ja, und matt. 
Moskau, so schläfrig und so golden, 
Wie deine Kuppeln, bist mir Ruhestatt. 

Ich gehe nächtens unterm Monde, 
In seinem Licht wie Teufelsschein, 
und torkle durch die Gasse, die gewohnte. 
In meiner Kneipe kehr ich ein.

Laut geht es zu in meiner Kneipe, 
und nachtlang, bis es Morgen wird, 
les ich den Huren vor, das was ich schreibe, 
mit Gaunern gönne ich mir Sprit.

Mein treuer Hund, du liegst schon unterm Grase. 
Längst unbewohnt, bist du mein Vaterhaus. 
Ja hier, in Moskau, auf der Straße, 
hauch ich, wenns Gott will, meine Seele aus.


Von einem der auszog, in die großen Städte

Dieses Gedicht vom russischen Poeten Есенин (Jessenin auf Wikipedia) zeigt deutlich die Kluft, die zwischen dem Leben in der Großstadt und dem auf dem Lande klafft. Während das Landleben geprägt ist von Ruhe und Geborgenheit, sammelt das lyrische Ich in dem Gewimmel der Großstadt Moskau Erfahrungen, die fernab seines alten Lebens liegen. Wenn von der Heimat die Rede ist, spricht es vom Vaterhaus, dem treuen Hund und seinen Wurzeln. Doch es verlässt diese Heimat. Im weiteren Verlauf wird die Entscheidung des lyrischen Ichs, diesen Hort zu verlassen, immer unsinniger von Seiten des Lesers. Denn anscheinend erfährt es in Moskau ein Leben, das in seiner Form neuartig ist, aber keine Zukunft hat. Hier wird von Exzess und Rausch berichtet, von Spelunken und Ganoven. Den Reiz den diese Stadt ausstrahlt, scheint überwältigend zu sein. In der zweiten Strophe, die damit beginnt, sie in groben Zügen darzustellen, ist von einer „Ruhestatt“ die Rede. Ein Begriff, der zunächst nur implizieren mag, dass es dem lyrischen Ich hier gut geht, weil es davon ausgeht, hier bis zum Ende seines Lebens zu verweilen.
Die Faszination die von der Stadt ausgeht, mit ihrem Sumpf voll Lastern und Gefahren, ist dabei absurderweise neutral bis positiv konnotiert. In keiner Verszeile ist zu erkennen, dass das Individuum den einhergehenden Verlust der alten Identität, den Tausch von Heimat und Leben gegen Untergang, in irgendeiner Form zu bedauern scheint. Es spricht hier eine Stimme, die man dem Pathos der Jahrhundertwende zur Zeit der Urbanisierung zuordnen kann. Zwar handelt es sich um kein Gedicht des Expressionismus, aber definitiv um einen Vorreiter, was das Gefühl betrifft und natürlich auch in der Wahl des Großstadtmotivs,  das im Expressionismus seinen Ausdruck gefunden hat.



Zum Leben des Autors

Auch der Dichter selbst, scheint eine zerrissene Persönlichkeit besessen zu haben. Er starb am 28. Dezember 1925, auf unnatürliche Weise, in einem Moskauer Hotel. Die Umstände seines Todes sind derart zwiespältig, dass sich mittlerweile Mythen rund um seine Person ranken. Das stalinistische Russland war bestrebt, die Umstände seines Todes aufzuklären. Sogar der KGB arbeitete an diesem Fall. Die gesuchten Schuldigen wurden auch gefunden, dennoch lässt die Arbeitsweise, die im roten Russland vom Geheimdienst gepflegt wurde, alle Zweifel offen. 
Der Selbstmord des Autors scheint sehr wahrscheinlich, da er diesen mehr als einmal in seinen Gedichten ankündigte. Dieses und andere Gedichte sind oftmals Zeuge seiner eigenen Biographie geworden. Der Selbstbezug ist groß. Wie in russischer Literatur üblich, wie ich finde, bringen seine Texte viel Leidenschaft und Emotion zum Ausdruck. Diese Eigenschaft, die man den Russen nachsagt, ist geradezu stilisiert worden. Man spricht von der „geheimnisvollen russischen Seele“. Selbst in der Forschung der Kulturwissenschaft hat diese These Niederschlag gefunden. Ein russischer Politiker soll mal gesagt haben, der Mythos der russischen Seele sei eine Ausrede zur Rechtfertigung von Melancholie und Trinksucht. 
Nichtsdestotrotz spricht Jessenin eine emotionale und pathetische Sprache, eine die für den deutschen Expressionismus der 20er typisch geworden ist. Ein Aufschrei des Leides und ebenso eine Passivität desselben. Wenn nicht sogar ein aktives Ausleben leidvoller Erfahrungen. Man spricht hier ja auch oft von der Ästhetik des Hässlichen in der Moderne. Denn das Bild, das Jessenin hier zeichnet ist nicht positiv. Es schmerzt ihn, ohne dass er bestrebt ist, dagegen anzukämpfen. 

Wer mehr über den Autor und die näheren Umstände seines Lebens lesen möchte, sollte Planetlyrik besuchen.


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Lyrik für alle – Sergei Alexandrowitsch Jessenin


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Gattaca (1997) – Andrew Nicol

Gattaca Andrew nicol dna dns
Leistung und Perfektion.
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Diese Tatsache dürfte wohl keinem entgangen sein. Wir haben Technik, die uns Aufgaben abnimmt und uns damit noch Leistungsfähiger macht. Gentechnik erwächst zur Normalität, auch wenn möglicherweise noch ethische Bedenken im Weg stehen. Aber wohin kann uns diese Entwicklung führen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Film Gattaca
Er macht den genetischen Perfektionismus zur Voraussetzung eines „normalen Lebens“. Schon vor der Geburt bestimmt man, inwiefern der Mensch biologisch determiniert ist. Damit existieren in dem Sinne keine natürlichen Geburten mehr. Ganz im Sinne der Darwinschen Theorie des Überlebens des Stärksten. Man weiß nicht nur woran du sterben wirst und wann, auch welche Neigungen du hast wie Alkoholismus, sowie Rückschlüsse auf deinen Charakter. Aber ist denn unsere Genetik wirklich so deterministisch? Das weiß bis heute genau genommen niemand. 

genetischer Determinismus?
Die Wissenschaft geht aber davon aus, dass sie uns weit weniger bestimmt, als wir annehmen. Denn sie liefert nur den Grundstein des Lebens, ob jemand an etwas erkrankt oder dergleichen, hängt immer noch davon ab, wie er damit umgeht. Und das ist und bleibt immer noch Willenssache.

Ganz nebenbei ist der Filmtitel Gattaca aus den Buchstaben zusammengesetzt, mit denen man in der Wissenschaft die 4 Bestandteile unserer genetischen Informationen benannt hat. Guanin, Cytosin, Adenosin und Tymin. Natürlich ist das keine zufällige Anspielung.

Die Leistungs-Klassengesellschaft.
Nichtsdestotrotz geht der Film Gattaca das Gedankenspiel des genetischen Perfektionismus einmal durch. Und diese Zukunft schein alles andere als rosig. Denn jemand der auf natürlichem Wege geboren wird, scheidet als zu fehlerhaft aus. Ein Mensch definiert sich nicht, wie in vielleicht der heutigen Gesellschaft, über Bildung und Vermögen. Es sind die Gene, die unseren Stand in der Gesellschaft bestimmen. Eine Klassengesellschaft auf biologischer Basis sozusagen. Was wohl die großen Sozialisten davon gehalten hätten? Denn der Faktor Reichtum und Dekadenz wäre damit abgeschafft. Es zählt die reine Leistung, die du im Laufe deines Lebens erbringen kannst. Und diese wird hier als absolut verstanden. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht.


Totalitarismus.
Denn es besteht immer noch die Möglichkeit aus dem Wettkampf unerwartet auszusteigen. Durch einen Unfall beispielsweise. Jerome Eugene Morrow (Jude Law) verkörpert diese Sorte Mensch im Film. Er ist leistungsfähig, im Sinne der Klassen perfekt, doch er erleidet einen Unfall. Den engagierten Vincent Freeman (Ethan Hawke) hat es schwerer getroffen. Er wurde auf natürlichem Wege geboren und trotz seiner großen Aufopferung gelingt es ihm nicht, ohne Hilfe aufzusteigen. Mit Hilfe von Morrows Identität soll es ihm gelingen, bis in die obere Elite aufzusteigen. Doch das totalitäre System aus genetischer Überwachung hat zahlreiche Sicherheitsbarrieren. Wie soll man seine Identität verschleiern, wenn man sie über kleinste Bestandteile seines Körpers jedem preisgibt? So beginnt eine Jagd zwischen dem System und Freeman, die er nur verlieren kann. Doch es kommt anders, er durchbricht das System mit seinen Engagement und erfüllt sich den Traum Gattaca zu verlassen. Damit wird das System an sich relativiert. Und der zum Anfang des Artikels angesprochene Wille kommt zum Tragen. 


Genre.
Der Film zeichnet damit ein düsteres Bild einer perfektionistischen Gesellschaft und bedient damit das Genre der Dystopie, einem Subgenre der Science-Fiction. Trotzdessen hat die Geschichte des Filmes auf mich sehr plausibel gewirkt. Doch man sollte hoffen, dass es eine düstere Vision bleiben wird. 

Science-Fiction

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Die Science-Fiction ist ein Genre, das aus der Literatur entstanden ist. Und dort hat es bereits eine lange Tradition. Schon die Werke des Romantikers E.T.A Hofmann (1776-1822) werden als Erstlinge des Genres Science-Fiktion angesehen. Bezeichnend ist hier beispielsweise die Erzählung Der Sandmann (1816) indem sich Nathanael in Olimpia verliebt, die sich später als Automat entpuppt. Was E.T.A. Hofmann hier als Automat bezeichnet, wird erst Jahrhunderte später durch den technischen Fortschritt überhaupt erst möglich.
Angefacht wurden die Fantasien Hofmanns beispielsweise durch Erfinden, wie die der Mechaniker Henri Maillardet oder Pierre Jaquet-Droz. Sie gelten als Erfinder der ersten Roboter. Sie konstruierten Puppen, die durch Mechanik in der Lage waren zu schreiben. Diese Erfindungen müssen seinerzeit sehr große Aufmerksamkeit erregt haben.
Die unbestimmte Zukunft, das Unbekannte und Fremde scheint als seither den Menschen zu faszinieren. Und spätestens seit Jules Verne ist ein Genre entstanden, das aus heutiger Sicht kaum noch wegzudenken ist. 
Das Spiel mit dem Möglichen und Unmöglichen lässt alle Barrieren und Grenzen des Denkens verschwinden. Es enstehen Welten, die auf eigenen oder unseren eigenen Gesetzen basieren. 
Auch wenn die Phantastik ein wichtiger Bestandteil des Genres ist, so sind die Welten, die
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darum entstehen uns ähnlicher als man zunächst annehmen mag. Denn eine solche Zukunft wird immer auf dem Grund der Realität oder des Vergangenen konstruiert. Dadurch entstehen witzigerweise Geschichten, denen der Stempel der Zeit in der sie entstanden, stärker aufgedrückt wurde, als die Autoren möglicherweise vermochten. Der fast schon klassische Film Die Zeitmaschine (1960) lässt relativ gut seinen Entstehungszeitraum erkennen. Ein besseres Beispiel ist vielleicht die Filmreihe Zurück in die Zukunft (1985-1990). In diesen Filmen, in denen es sich primär um das Reisen durch die Zeit dreht, ist es doch erstaunlich, wie stark die Zukunft den 80er-Jahren ähnelt. 
Das ist ganz natürlich. Denn wie soll man es sich etwas vorstellen können, dass es noch nie gegeben hat. In keiner Form. So ist die Science-Fiction auch immer ein Kind ihrer Zeit und der aktuellen Probleme. Sie nimmt die Funktion eines Spiegels ein, in dem man weiterdenkt und konstruiert. Eine Was-wäre-wenn-Situation. Dies macht unter anderem eine Komponente der Science-Fiction aus.
Die Möglichkeiten in diesem Bereich sind vielfältig, wenn nicht sogar unendlich. Denn das macht schließlich das Genre aus. Dennoch versucht man, die Science-Fiction zu kategorisieren. Dabei haben sich im Wesentlichen folgende grobe Strukturen herausgebildet:
Neben der erwähnten Zuspitzung von aktuellen Verhältnissen existieren weitere Wege das Zukünftige zu konstruieren. Ein häufiger, der wohl möglich den meisten sofort einfallen würde, ist die Begegnung mit außerirdischem Leben. Doch auch dies ist im Grunde genommen eine Vorstellung, die wahrscheinlich erst durch das Möglichwerden der Raumfahrt entstanden ist. Im selben Bereich bewegen sich auch Reisen ins All und oder das Entdecken neuen Lebens, statt der Invasion. Beispiele gibt es zahlreiche, wie The Abyss (1989) oder 2001: Odyssee im Weltraum (1968).
Eine weitere Variante, die aus heutiger Sicht ebenso an Beliebtheit gewonnen hat, ist der Prometheus-Topos, die Vorstellung eines Übermenschen. Wie der Begriff deutlich macht, ist dies eine sehr alte Vorstellung. Sie existiert bereits seit der Antike und ist Teil der antiken Mythologie und wurde seither in mannigfacher Weise verarbeitet. In diese Sparte ist beispielsweise E.T.A. Hofmanns Der Sandmann einzuordnen. In der Antike waren die Übermenschen Helden von göttlichem Ausmaß, die sich der Natur scheinbar entheben und unglaubliches schaffen. Heute treten diese Übermenschen zumeist in Form von Robotern oder Mischwesen aus Mensch und Maschine in Erscheinung. Der Cyberpunk, ein Subgenre der Science-Fiction widmet sich ausgiebig den Themen der Grenzauflösung von Mensch, Maschine und Technik. 
Eine weitere Spielart der Science-Fiction sind Untergangsszenarien. Und auch hier lassen sich Realbeispiele zur Genüge finden. Natürlich ist diese Variante von der Realität, makabrerweise inspiriert. Denn die Angst der Menschen, sei es vor dem Fremden, oder wie im Falle des Krieges, dem Bekannten, ist eine unerschöpfliche Quelle von Untergangsszenarien. 
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Die letzte Kategorie sind wie angedeutet Zeitreisen. Sie sind von der Wissenschaft angeregt. Aber auch vom Wunsch der Menschen, alles kontrollieren und beeinflussen zu können. Möglicherweise wieder ein Hinweis auf den Prometheus-Komplex, der Teil unseres Antriebs ist. Denn Zeitreisen gehören ebenfalls zum Urgestein der Science-Fiction und begeistern seit jeher das Publikum. 
Es geht also bei der Science-Fiction um das Fremde, das Kontrafaktische, das Faszinierende. Dabei erhebt der Zuschauer oder Leser den Anspruch überzeugt zu werden und eintauchen zu können. Die Welt darf, oder soll unrealistisch sein, muss aber in ihrer Art und Weise überzeugen. Die konstruierte Realität muss sich beweisen, als existiere sie wirklich. Im Film wird hier mit allerlei Tricks gearbeitet. Wo man in den 70ern noch mit Modellen und Miniaturen wie in Star Wars: Krieg der Sterne (1978) arbeitete, setzt man heute auf computergestütze Effekte und 3D-Animation. Ohne Special-Effects kommt heute keine Film mehr aus. Dadurch werden oftmals noch vielfältigere Gedankenspiele möglich, die sich zudem noch visuell abbilden lass und damit noch mehr das Eintauchen in die Fremde ermöglichen. 
Doch so fremd diese Geschichten auch immer auf uns wirken mögen. Sie sind immer Teil unserer aktuellen Probleme und verkörpern den Zeitgeist. Ihr Bezug dazu öffnet nicht selten eine philosopische Komponente, die es erlaubt mit einem Abstand aus einer fremden Welt auf unsere zu blicken. 

Cyberpunk/Tech-Noir

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Tech-Noir (oder auch Cyberpunk) ist ein Subgenre der Science-Fiction, das sich vor allem in den 80er-Jahren entwickelte. Der Begriff Cyberpunk geht auf den Amerikaner Bruce Bethke zurück. Das Genre hat sich aus der Ästhetik des Film-Noir und der Hard-Boiled Literatur entwickelt und ist damit gleichermaßen ein Phänomen des Films, wie auch der Literatur. 
Die Menschen leben in einer Welt, in der die Grenzen zwischen digitaler und realer Lebenswelt völlig verwischt sind. Doch das Verwischen wird keineswegs als Verlust von Identität erfahren. Man erlebt es als faszinierend von den physischen Grenzen den Geist zu lösen und diesen damit im Prinzip unsterblich zu machen. Wer vielleicht etwas vor dem Genre der Science-Fiction auf Grund von mittlerweile anhaltender Stereotyper Figuren und Geschichten abgeschreckt ist, gleichzeitig aber Interesse an Gangstergeschichten und gescheiterten Persönlichkeiten findet, sollte sich von diesem Genre angezogen fühlen. Die Gangster in diesem Genre sind Hacker, Geeks, Datendiebe, Freaks und Großkonzerne im Zeitalter der Informationstechnik.

Gibson und der Cyberspace

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Der berühmteste Vertreter, oder sagen wir der Begründer dieses Genres, ist der Roman Neuromancer von William Gibson. Erstaunlicherweise ergründet Gibson ein Terrain, das in den 80er-Jahren noch relativ unerforscht war. Zumindest aus technischer Sicht. Denn Begriffe wie virtuelle Realität, die durch die heutige Technik möglich ist, war damals nicht bekannt. Gibson soll nicht mal einen Computer besessen haben, sondern schuf seine Erzählungen rein aus seiner Kraft der Imagination.

Ihm gelang es sogar durch seine Romantrilogie (Neuromancer, Mona Lisa Overdrive, Count Zero/Biochips), den Begriff Cyberspace in den allgemeinen Sprachgebrauch zu übertragen. Dieser Begriff ist mittlerweile selbstverständlich und meint so viel wie Steuern durch den Raum. Und Räume sind genau das, was die Technik in diesem Genre unendlich erschaffen kann. Das Genre verwendet als zentrale Metapher den Computer und stellt sie dar, als technische Traummaschinen, die dem Mensch die völlige physische Entgrenzung ermöglichen. 

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Zu den bekanntesten Vertretern im Film gehört die populäre Produktion The Matrix, die nebenbei gesagt zahlreiche Anleihen bei Gibson macht. Beispielsweise der Begriff der Matrix, einem weltumspannenden Netzwerk, dass dem Menschen durch die Verbindung zu seinem Gehirn, als konsensuelle Halluzination dargeboten wird. Eine Art künstlicher Raum, indem der Mensch, ähnlich der Realität agieren kann. In dem Film The Matrix handelt es sich aber genau gesagt, nicht um eine konsensuelle Halluzination, da die Menschen sich dieser nicht direkt bewusst sind. Ich möchte hier auch mal an die Nähe der Handlung von The Matrix zum Höhlengleichnis von Platon verweisen. Denn hier verlässt ein Mensch erstmals die Höhle der Täuschungen und Schatten und ist überwältigt vom Anblick der Wahrheit in Form des Sonnenlichtes. Übertragen auf die Geschichte von Neo, erblickt er die Realität, die jenseits der Matrix existiert. Sein gewählter Weg macht es ihm unmöglich jemals wieder in die Scheinwelt einzutauchen. Ebenso ist es schwierig die darin lebenden Menschen davon zu überzeugen, da diese Welt für sie natürlich und schlüssig ist. Der ausgetretene erscheint nunmehr als ein Geblendeter, ein Verrückter, den im Angesicht der „Wahrheit“ der Wahnsinn ergriffen zu haben scheint. 


Vorreiter im Film der 80er-Jahre

Zu den ersten Vorreitern des Cyberpunk im Film gehört unter anderem auch Disneys TRON (1982), der bereits zahlreiche ästhetische Gestaltungsmöglichkeiten vorweg nimmt. Auch hier konstruiert der Regisseur eine Welt, hinter dem Bildschirm. Grenzen sind ohne weiteres überschreitbar.
tron cyberpunk tech noir film Auch diese Welt im surrealen virtuellen Raum besitzt seine Abgründe und Nischen für Wesen des Widerstandes gegen die Allmacht. Der Film galt für seine Zeit als ästhetische Revolution. Entgegen der Meinung, alles sei gemäß dem neuen Genre computeranimiert worden, handelt es sich um fast reine Handarbeit. Mit aufwendigen Verfahren, hat man Bild für Bild des Filmes nachbelichtet und mit verschiedenen Filtern und Layern übereinander gearbeitet. Die Optik des Films ist bis heute einmalig, auch wenn dies aus heutiger Sicht vergleichsweise einfach zu bewerkstelligen wäre. Mittlerweile gibt es bereits einen Nachfolger des Filmes Tron Legacy (2010), der versucht an den ersten Erfolg anzuknüpfen. Dabei kann der Film allerdings, wie auch sein Vorgänger auch, durch keine besonders gute Handlung bestechen. Der Fokus liegt auf der Ästhetik, die nach wie vor faszinierend wirkt. 

Stilmerkmale Cyberpunk
Aber auch in diesem kleinen Subgenre des Cyberpunk finden sich bereits herausgebildete Stereotypen, die sich anhand folgender Motive und Erscheinungen zusammenfassen lässt: Implantate im Körper, Bioprotetik, Polizeistaat, Allmacht der Großunternehmen, kriminelle Unterwelten, Drogen und künstliche Intelligenz. 

sf-noir, cyberpunk, max headroomInsgesamt erinnert das Genre Cyberpunk damit stark an den klassischen Film-Noir, jedoch mehr in der Gestaltung der Handlung und der Personen als in der Ästhetik eines Schwarz-Weiß-Filmes (bis auf Paris 2054 [2006]). Die Utopie, die das Genre durch die Science-Fiction ermöglicht, wird zur Spielwiese von möglichen Gesellschaftsveränderungen. Damit werden kritisch-parodistische Stimmen laut wie im Film Brazil (1985). Zu weiteren Werken, die unter der Prämisse dieses Genres stehen, oder zumindest Anleihen benutzen gehören: Blade Runner (1982), Robocop (1987), Jonny Mnemonic (1980, eine weitere Verfilmung einer Kurzgeschichte Gibsons, die auch in Neuromancer Erwähnung findet) und die Serie Max Headroom (1985). Insgesamt sind die Einflüsse heute sehr vielfältig geworden. Wie auch im Genre des klassischen Noir, ist es zu einer Art ästhetischem Prinzip geworden. Das heißt, statt das Genre völlig zu bedienen werden meist Anleihen bei der Form, Darstellung oder Inhalt gemacht. Selbstverständlich lebt vor allem die Computerspiele-Branche vom Cyberpunk/Tech-Noir, der Teil vieler Hintergrundgeschichten in Spielen ist. Wie beispielsweise der japanische Ghost in the Shell (Film 1989). Zu diesem Film existieren auch Videospiele, die man Cyberpunk/Tech-Noir-Begeisterten nur empfehlen kann. Ich erinnere mich noch gut an ein PSX-Spiel.

Ethik und Cyberpunk
Cyberpunk wird im heutigen Kontext auch immer mehr zur ethischen Frage. So gibt es mittlerweile Menschen, die technischen Modifikationen an ihrem Körper tragen. Genau genommen ist ein Hörgerät bereits eine Modifikation, die den Menschen befähigen kann, mehr zu leisten als ein Mensch ohne solche Gerätschaften (filtern von Geräuschen/ Lärm,     Farben hören etc.). 
Die Frage die man sich zu Recht stellt, ist wann man aufhört „Mensch“ zu sein. Welcher grad an androiden Teilen ist vertretbar. Ein schönes Zitat zum Thema ist ein Gedanke aus dem Film Der Mieter, der genau genommen gar nichts mit Cyberpunk zu tun hat. Doch das Zitat ist hier treffend:

Man schneidet mir meinen Arm ab. Ich sage: ich und mein Arm. Dann schneiden sie mir den andern Arm ab. Ich sage: das bin ich und meine beiden Arme. Dann schneiden sie mir den Kopf ab. Und was sage ich dann? Ich und mein Kopf? Mit welchem Recht bildet sich mein Kopf ein er wäre ich?“

Hier dazu ein paar Artikel:

Links:


weiterführende Literatur:

[1] Schmundt, Hilmar: Modems, Mythen, Neuromantik. Die Cyberpunkliteratur erschafft ein Archetypeninventar für das digitale Zeitalter. 
[2] Bay, Wolfgang: Die Unität des natürlich-künstlichen Menschen. GRIN 2006. 
[3] Neumann, Thomas: Mensch und Maschine in William Gibsons ‚Neuromancer‘. GRIN 2006.
[4] Zberg, Ueli: The Matrix – Analogon zu Platons Höhlengleichnis? GRIN 2012.

City Farming

Auf und über den Dächern der Stadt: 
Der britische Naturforscher Darwin hat einmal gesagt: „Alles was gegen die Natur ist, hat auf die Dauer keinen Bestand.“ Ob eine solche Aussage, im heutigen Kontext, noch als wahr zu gelten hat, ist fraglich. Längst bedient sich die Forschung in Bereichen der Biologie und Genetik, neuer und bisweilen sogar als klassisch zu bezeichnenden Theorien, um sich der Natur habhaft zu machen.  Ob wir uns den Grenzen dieser Entwicklungen bewusst sind, steht auf einem ganz anderen Blatt. 
Unsere künstliche Welt wächst, und mit ihr der ständige Nahrungsbedarf. Es ist kein Geheimnis mehr, dass man bereits an Strategien arbeitet, einer zukünftigen „Übervölkerung der Erde“ entgegen zu wirken. Manche, wie auch ich, halte solche Szenarien für unmöglich. Wie soll schließlich die Menschheit, die Erde überbevölkern, wenn von vornherein ein Versorgungsproblem stattfindet. Aber Studien wollen herausgefunden haben, dass unser Bedarf in 40 jahren an Lebensmitteln um 60 Prozent steigen wird. Irgendwie muss man also Herr der Lage werden. Denn ohne Versorgung, kein Nachwuchs. Schon Thomas Robert Malthus hat gezeigt, wie leicht man irren kann. Woher wissen wir, wovon wir in Jahrhunderten leben werden.
Doch es spielt bereits, in einigen Großstädten der Welt, eine Zukunftsmusik, die vielversprechend klingt. Möglicherweise auch für die Ökofreaks unter den Städtern. Seit Jahren entwickelt man, und das mittlerweile erfolgreich, an Konzepten, die Stadt selbst, – wieder – zum Land zu machen. Die künstliche Erweiterung der Lebensräume durch Hochhäuser, legt ebenso nahe, völlig autonome Räume zu schaffen. Was im Film noch als gespenstische Zukunftsvision
à la Arkologie daherkommt, ist schon realer, als man denken mag. 
Pflanzen wachsen und Gedeihen auf den Dächern unserer Hochhäuser. Und das mithilfe gereinigten Abwassers, von dem die Großstadt mehr als genug erzeugt, und der Abwärme der Gebäude. Zusätzlich wird CO2 durch die Pflanzen gebunden. 
Was man dort plant, ist eine vollständige „urbane Landwirtschaft“. Schon das Wort beinhaltet eigentlich einen Widerspruch. In Deutschland träumt man noch, aber anderorts wird schon fleißig experimentiert. Die Vorteile sind klar. Einerseits verarbeitet man die Energie, die die Großstadt in Form von Wärme abgibt. Der Kreislauf wird um einen Schritt mehr geschlossen.  Außerdem ist der Weg zum Verbraucher kürzer. Es sinken also zudem Transport-, Lager– und damit Produktionskosten. Und im Prinzip ist jeder, der auf seinem Balkon Tomaten und anderes Gemüse züchtet, schon ein kleiner städtischer Gärtner. Diese einfache Bestrebung urbaner Schrebergärtner wurde einfach nur weitergedacht. Selbstverständlich handelt es sich um Konzepte und Visionen. Aber einen Bedarf scheint es tatsächlich zu geben, oder es entwickelt sich gerade ein solcher. Laut einer Studie beteiligen sich bereits 800 Millionen Menschen an urbaner Landwirtschaft. Was genau und Beteiligung zu verstehen ist, kann ich an dieser Stelle auch nur erahnen. Jedenfalls klingt es ganz schön wichtig!
Das ganze ist auch ein riesiger Arbeitsmarkt. Und die Bauern sind auch nicht mehr so alleine. Vielleicht spielen sich schon bald einschlägige Serien über einsame SingleBauern auf den Dächern New Yorks ab. Es werde grüner auf den Dächern unserer Großstädte!

Die Zeit nach Mitternacht (1985) – Martin Scorsese

„After Hours“ oder „Die Zeit nach Mitternacht“ (1985) lautet der Titel eines eher unbekannten Filmes von Scorsese, wenn man an Titel wie „Taxi Driver“ oder „Gangs of New York“ denkt. Nichtsdestotrotz bietet Scorsese hier kein minder aufregendes Feuerwerk seines Schaffens.
NBC titelt: „A terrific movie“ und es ist tatsächlich verwunderlich, weshalb dieser Film von ihm eher unbekannt blieb. Grob gesagt, geht es um den ambitionierten Programmierer Paul Hacket, engagiert im Job, ruhig. Mehr erfährt der Zuschauer noch nicht zu Beginn des Filmes.

Das Vexierspiel der Frauen

Und auch im Laufe des Hergangs bleibt seine Person im eigentlichen Sinne unbehelligt. Wichtig für die Handlung sind die Begegnungen, die er in dieser einen Nacht macht. Und diese sind nicht ohne. Auf der Suche nach ein wenig Abwechslung trifft er in einem Café eine ansprechende Frau, sie unterhalten sich über Literatur, kurz gesagt Smalltalk. Das Gespräch wird unterbrochen und sie hinterlässt ihm kurzerhand ihre Telefonnummer. Als er nach Hause geht, denkt der leichtfüßige Paul, warum sie nicht zurückrufen? Das Telefonat mit ihr wirkt gestelzt und es mutet an, als ob beide in ihrer Schüchternheit über ihr Unwissen übereinander, nicht so recht wissen, worüber sie sprechen sollen.

Paul: Programmierer, Pechvogel?

Dennoch lädt die unbekannte Marcy ihn zu sich ein. Soweit alles normal, doch mit der Begegnung der Frau ändert sich schlagartig die kleine Welt in der Paul der Programmierer und Bürohengst seine Tage verbracht hat. Sie wirkt überdreht, geheimnisvoll und eigenartig, schon bei ihrer ersten Begegnung. Schon das Ankommen an ihren Haus läuft anders als erwartet. Statt ihr, öffnet ihm seine Mitbewohnerin, eine Künstlerin, die Tür. Marcy sei kurz verschwunden und er müsse auf sie warten. Damit ist es eigentlich sie, die das abstruse Spiel aus kafkaesken Zusammenhängen eröffnet. Es ereignen sich ein paar erotische Momente, die aber eher verstörend als betörend auf Zuschauer und Paul wirken. Es scheint ein wenig, als sei Paul vom Pech verfolgt und als wolle man ihm, von einer höheren Macht bestimmt, diesen Abend nicht so richtig gelingen lassen. Es ereignet sich eine Panne nach der anderen und man beginnt etwas Mitleid für den Pechvogel zu empfinden. Das Ganze wird in einer komödienartigen Weise mit Elementen des Absurden bestückt, die die ganze Handlung zuweilen surreal erscheinen lassen.

New York als kafkaeskes Wunderland

Das Treffen mit Marcy läuft nicht besonders gut, deshalb merkt man Paul des Öfteren an, dass er versucht aus der Situation zu flüchten. Doch wie es der Zufall will hängt er fest in Soho, einem Viertel, das weit genug entfernt von seinem Heim ist, dass es ihm unmöglich wird einfach fortzulaufen. Als er vergeblich versucht ein U-Bahn-Ticket zu kaufen verschlägt es ihn in eine Bar und die zufälligen Zusammenhänge offenbaren sich ihm wie auch dem Zuschauer Stück für Stück. Es ist als ob Paul mit der Begegnung mit Marcy einen Vorhang langsam öffnet, der ihm Stück für Stück die wahre Wirklichkeit New Yorks offenbar, derer er sich bisweilen verschlossen hat. Ein Wechselspiel aus Absurdität, höherer Mächte und Pech. Dabei hilft Paul es auch nicht, immerwährend sein Gesicht mit Wasser zu kühlen, er wirkt sichtlich überfordert. Es treffen Personen aufeinander, die bei genauerem Hinsehen verrückter nicht sein können. Es zeigt sich hier, wie in zahlreichen Filmen der 80er Jahre, die Ent-deckung einer Oberflächlichkeit, durch deren flachen Anblick man genug zu wissen glaubt. Eine Welt, die nach außen hin schlüssig, geschlossen erscheint, schlichtweg Normalität vorgaukelt. Doch hinter den Kulissen zeigen sich nicht nur Charaktere und Schicksale. Man offenbart dem Zuschauer eine Welt hinter diesem Schein, die unnormaler nicht sein könnte. So wird Paul gewissermaßen, in dieser Nacht, zum Spielball einiger Verrückter, die ihn erst bei Tagesanbruch zurück lassen in seine Welt voll Normalität. Als Paul das Café betrat, glaubte er wohl nicht, dass es in Wirklichkeit ein Kaninchenbau war.

Paul im Kaninchenbau auf der Yellow-Brick-Street

Der Film ist durchzogen von Andeutungen und Motiven, die sich dem Zuschauer nicht immer gleich erschließen. Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte von Marcy, die erzählt sie sei mit einem Mann verheiratet, der beim Liebesspiel immerwährend die Geschichte des Zauberers von Oz zitiert. Versucht man hier eine Analogie zu ziehen, erscheint diese zwar als durchaus möglich, verkehrt sich hier aber in das Gegenteil. Denn Dorothy ist im Land von Oz gefangen, verspürt Angst bei der Begegnung mit den fremden Gestalten, die sich aber beim Blick hinter die Oberfläche als Freunde erweisen. Genau dies ist bei Paul nicht der Fall, sein genauerer Blick zeigt ihm ein Feindbild dessen, was ihm vorher bekannt und freundlich erschien. Höchstens das Ende, als eine Frau ihn zu seiner Rettung zu einer Statue stilisieren lässt, kann als freundliche Gebärde gedeutet werden. Sie ist ebenso die Erlösung von der Nacht, in der ganz New York verrückt zu spielen scheint. Ein großartiger Film, bei dem in Sachen Darstellung überhaupt keine Abstriche gemacht werden können. Hervorragende Kameraführung, die die Handlung sehr gut unterstreicht. Alles in allem unbedingt sehenswert!

Info
Originaltitel After Midnight
dt. Titel Die Zeit nach Mitternacht
Genre Drama
Comdey
Thriller
Jahr 1985
Regie Martin Scorsese
Stile Surrealismus
absurdes Theater
ähnliche Filme Der Mieter
Brazil

Kino/Film der 80er

Jedes Jahrzehnt bietet uns seinen eigenen Stil, seine eigene Sprache und Darstellung des Films. Auch die technischen Entwicklungen der jeweiligen Zeit machen sich in den Kinofilmen bemerkbar. Von diesen waren die 80er Jahre geradezu beflügelt. Während man im Kino der 70er noch erste Gehversuche feierte (wie Star Wars), so scheint es, als ob das folgende Jahrzehnt voll im Bann der Computertechnik steht. Sowohl in Bezug auf die neuen Möglichkeiten, wie auch die Themen und Motive, um die sich die Filme der 80er drehen. 

Es ist das Jahrzehnt vieler neuer Genres wie dem Cyberpunk. Nebenher erfreut sich die Generation auch an einem Unterhaltungskino, dessen Helden heute paradigmatisch für eine Generation stehen. Niemand hat die großen Streifen mit Größen wie Sylvester Stallone (Rocky, Over the top, Cliffhanger) und Al Pacino (Scarface) vergessen. Heute haben sie Trash- und Kultstatus erreicht. 

Die Themen des Kinos der 80er sind zu vielschichtig, als dass man sie hier im Detail vorstellen könnte. Respektiv erscheinen die Filme aber alle in einem Licht. Sie bieten uns atemberaubende Bilder, es gibt viel Action, die jede eitle Tiefsinnigkeit vergangener Filme vergisst. Doch so flach, wie das Kino der 80er zu sein scheint, ist es in keinem Fall. Hinter aufwendigen Produktionen, die vor allem durch Bildgewalt bestechen, stehen oftmals tiefgründige Geschichten, die aber durch ihren vordergründigen Unterhaltungswert in den Hintergrund gerückt sind. 

Das Thema technischer Fortschritt manifestiert sich aber nicht nur in den Special Effects. Auffallend viele Regisseure und Drehbuchautoren wollen sich tiefer mit diesem Thema auseinandersetzen. Dabei gehen sie visionär an ihre Stoffe und lassen in ihren Welten keine Grenzen zu. Es entstehen eine Reihe von Filmen, die das angehende Zeitalter der Computerisierung in sich aufsaugen und alle erdenklichen Szenarien konstruieren. Filme wie Terminator (1984) oder Robocop (1987) sind hier ein Paradebeispiel. Aber auch in vielen anderen Streifen versucht man sich eine Zukunft vorzustellen, die den Menschen zum Greifen nahe scheint. Fliegende Autos, Mensch-Maschinen und Cyberspace. 

Damit wächst in den 80ern immer mehr das Interesse an einem Kino der Illusionen, in denen alle Grenzen aufgelöst werden können. Denn erstmals erscheint es möglich alles darzustellen, alles auszuprobieren, auf der Leinwand wohlgemerkt. Dadurch feiert immer wieder vor allem die Science-Fiction eine gewaltige Blüte. In den 80ern entstanden heutige Klassiker wie:

Aliens (1986), Total Recall (1990), Dune (1984), Star Wars Episonde 4 (1983), E.T. der Außerirdische (1982) und Zurück in die Zukunft (1985). Diese Filme bieten mit ihrer Handlung erstmalig den Raum für gewaltige Bildfeuerwerke und ausgiebigen Experimenten mit Spezialeffekten. Auch im Genre der Actionfilme, die sich in der 80ern sehr großer Beliebtheit erfreuen, wird davon Gebrauch gemacht. 

Verantwortlich für diese Entwicklungen sind vor allem die Filme Hollywoods. Hier sind die Größen Spielberg und George Lucas zu nennen. Denn wie auch heute, sind für derartige Effekte unglaubliche Mengen Kapital erforderlich, weshalb es für kleine Studios kaum möglich war, in den 80ern mit den atemberaubenden Bildern Hollywoods mitzuhalten. Damit gewann der Film vor allem an ästhetischer Qualität und es lassen sich auch unzählige Beispiele finden, in denen nur auf diesen Aspekt das Augenmerk gelegt wurde. Man probierte sich aus und der Zuschauer wurde süchtig nach den sich immer wieder übertreffenden Effekten der großen Kinos. Heute hat sich an diesem Umstand meiner Meinung nach wenig geändert. Insgesamt finde ich das ein wenig Schade, denn Animationstechnik ist heute eine erschwingliche Sache geworden, sodass der Fokus ein wenig mehr auf die Qualität der Geschichten, die der Film erzählt gelenkt werden könnte. Das Kino der achtziger Jahre markiert für mich die Geburt eines reinen Unterhaltungskinos, das versucht, nur noch durch Bildkraft zu bestechen. 

Doch die Oberflächlichkeit des Filmes der achtziger Jahre kann auch zum Trugbild werden. David Lynch dreht seinen Blue Velvet (1985). Ein Film, der den Zuschauer bewusst durch die Bildkraft der Filme der 80er irre führt. Lynch zu seinem Film: „er führt unter die Oberfläche einer amerikanischen Kleinstadt, aber es ist auch eine Reise ins Unbewusstsein oder an einen Ort, wo man mit Dingen konfrontiert wird, denen man sich normalerweise nicht stellt.“

Damit obliegt die Entscheidung ganz allein beim Zuschauer, wie viel er aus dem Kino der 80er-Jahre herausliest. Denn Oberflächen zeigen zwar offensichtliches, verbergen aber auch Wesentliches. 

Kopulation I


Kopulation
 I


Seufzend beben, heischen Blicke |
Finger suchen Spitzen heiß |
Ballen rufen nach Erhöhung, zögernd |

Bisse führen Augen |
an den glutumworbnen Mund |
rauschende Begegnung |
Bewegung polternd |

stundenvollste Augenblicksgeschenke |
hasten |
streifend durch Gebällk |
in dem erwartend Säfte |
schmoren |
um im Dampf verlorn’ zu gehn |

reifend ruhen müde Hände |
nicht Blicke fordernd |
aber seichte Flucht |

und blitzend zucken schwere Tritte |
einig rinnend in die Bucht |