Moskau – Sergei Alexandrowitsch Jessenin



Mein treuer Hund, du liegst schon unterm Grase. 

Längst unbewohnt, bist du mein Vaterhaus. 
Ja hier, in Moskau, auf der Straße, 
Hauch ich, wenns Gott will, meine Seele aus. 

Ja, ich lieb Moskau, diese Stadt: verquollen.
Und versumpft, nun ja, und matt. 
Moskau, so schläfrig und so golden, 
Wie deine Kuppeln, bist mir Ruhestatt. 

Ich gehe nächtens unterm Monde, 
In seinem Licht wie Teufelsschein, 
und torkle durch die Gasse, die gewohnte. 
In meiner Kneipe kehr ich ein.

Laut geht es zu in meiner Kneipe, 
und nachtlang, bis es Morgen wird, 
les ich den Huren vor, das was ich schreibe, 
mit Gaunern gönne ich mir Sprit.

Mein treuer Hund, du liegst schon unterm Grase. 
Längst unbewohnt, bist du mein Vaterhaus. 
Ja hier, in Moskau, auf der Straße, 
hauch ich, wenns Gott will, meine Seele aus.


Von einem der auszog, in die großen Städte

Dieses Gedicht vom russischen Poeten Есенин (Jessenin auf Wikipedia) zeigt deutlich die Kluft, die zwischen dem Leben in der Großstadt und dem auf dem Lande klafft. Während das Landleben geprägt ist von Ruhe und Geborgenheit, sammelt das lyrische Ich in dem Gewimmel der Großstadt Moskau Erfahrungen, die fernab seines alten Lebens liegen. Wenn von der Heimat die Rede ist, spricht es vom Vaterhaus, dem treuen Hund und seinen Wurzeln. Doch es verlässt diese Heimat. Im weiteren Verlauf wird die Entscheidung des lyrischen Ichs, diesen Hort zu verlassen, immer unsinniger von Seiten des Lesers. Denn anscheinend erfährt es in Moskau ein Leben, das in seiner Form neuartig ist, aber keine Zukunft hat. Hier wird von Exzess und Rausch berichtet, von Spelunken und Ganoven. Den Reiz den diese Stadt ausstrahlt, scheint überwältigend zu sein. In der zweiten Strophe, die damit beginnt, sie in groben Zügen darzustellen, ist von einer „Ruhestatt“ die Rede. Ein Begriff, der zunächst nur implizieren mag, dass es dem lyrischen Ich hier gut geht, weil es davon ausgeht, hier bis zum Ende seines Lebens zu verweilen.
Die Faszination die von der Stadt ausgeht, mit ihrem Sumpf voll Lastern und Gefahren, ist dabei absurderweise neutral bis positiv konnotiert. In keiner Verszeile ist zu erkennen, dass das Individuum den einhergehenden Verlust der alten Identität, den Tausch von Heimat und Leben gegen Untergang, in irgendeiner Form zu bedauern scheint. Es spricht hier eine Stimme, die man dem Pathos der Jahrhundertwende zur Zeit der Urbanisierung zuordnen kann. Zwar handelt es sich um kein Gedicht des Expressionismus, aber definitiv um einen Vorreiter, was das Gefühl betrifft und natürlich auch in der Wahl des Großstadtmotivs,  das im Expressionismus seinen Ausdruck gefunden hat.



Zum Leben des Autors

Auch der Dichter selbst, scheint eine zerrissene Persönlichkeit besessen zu haben. Er starb am 28. Dezember 1925, auf unnatürliche Weise, in einem Moskauer Hotel. Die Umstände seines Todes sind derart zwiespältig, dass sich mittlerweile Mythen rund um seine Person ranken. Das stalinistische Russland war bestrebt, die Umstände seines Todes aufzuklären. Sogar der KGB arbeitete an diesem Fall. Die gesuchten Schuldigen wurden auch gefunden, dennoch lässt die Arbeitsweise, die im roten Russland vom Geheimdienst gepflegt wurde, alle Zweifel offen. 
Der Selbstmord des Autors scheint sehr wahrscheinlich, da er diesen mehr als einmal in seinen Gedichten ankündigte. Dieses und andere Gedichte sind oftmals Zeuge seiner eigenen Biographie geworden. Der Selbstbezug ist groß. Wie in russischer Literatur üblich, wie ich finde, bringen seine Texte viel Leidenschaft und Emotion zum Ausdruck. Diese Eigenschaft, die man den Russen nachsagt, ist geradezu stilisiert worden. Man spricht von der „geheimnisvollen russischen Seele“. Selbst in der Forschung der Kulturwissenschaft hat diese These Niederschlag gefunden. Ein russischer Politiker soll mal gesagt haben, der Mythos der russischen Seele sei eine Ausrede zur Rechtfertigung von Melancholie und Trinksucht. 
Nichtsdestotrotz spricht Jessenin eine emotionale und pathetische Sprache, eine die für den deutschen Expressionismus der 20er typisch geworden ist. Ein Aufschrei des Leides und ebenso eine Passivität desselben. Wenn nicht sogar ein aktives Ausleben leidvoller Erfahrungen. Man spricht hier ja auch oft von der Ästhetik des Hässlichen in der Moderne. Denn das Bild, das Jessenin hier zeichnet ist nicht positiv. Es schmerzt ihn, ohne dass er bestrebt ist, dagegen anzukämpfen. 

Wer mehr über den Autor und die näheren Umstände seines Lebens lesen möchte, sollte Planetlyrik besuchen.


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Lyrik für alle – Sergei Alexandrowitsch Jessenin


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