Im Sanatorium

Ja ich kann es gar nicht verstecken. Ich bin ein großer Anhänger der expressionistischen Kunst. Und wer gern Literatur liest, schreibt in der Regel auch einmal etwas, um zu zu prüfen: „Kann ich das auch“. Ich schreibe nicht regelmäßig, aber doch oft genug, einfach weil es Spaß macht. Und wer etwas oft tut, wird irgendwann gut darin. Das bin ich bei weitem noch nicht. Die Intention war die, ganz wie mein Vorbild Benn „Gehirne“ von dem ich mich gern inspirieren ließ, einen Text über einen Nervenkranken im Sanatorium zu schreiben und aus dessen Sicht, die Welt zu beschreiben. Wer selbst ein wenig Benn lesen will: Es gibt ganz günstig von Reclam die Gehirne und das ist ein wirklich guter Einstieg in den harten Kern des Expressionismus.

Im Sanatorium

Die helfende Gesinnung, was blieb von ihr? Sie lag von Anfang als solche im Schatten, mit ihren zahlreichen Schamträgern, in ihrer stattlichen Hemmungslosigkeit. Um zu werden wie das Licht, und sie wollte unendlich sein, sein ja. Aber diese Lockung wurde unversehens von der Wärterin, einer Verwalterin meiner Wirklichkeit zerstreut. Welche starken Formen man fühlte! Krankheiten, die zum Gegenstand wurden, dich übermannten, angriffen und auf dem Boden den Kampf um Männlichkeit austrugen. Was soll man zu so einem Geschehen sagen? Denn wider jede Erscheinung, gilt immer etwas anderes. Leer würde diese Stelle aber nie bleiben. Es gilt festzulegen, wie man in seinem Zimmer ruht. Denn dieses enthält auch, nicht erst seit ein paar Wochen, auch nicht zu dieser Stunde, sondern als würde sie schon immer an Ort und Stelle glänzen und ihre Erfahrungen sammeln, die Wirklichkeit. Seit wenigen Jahren geschwächt, ihre Hüfte zerbrochen, wie von den Leibern abgenommen und ihre Schultern vor Chaos verrückt. Tief warf sie sich mit ihren Händen über die Bücher, die man las. Sie war die Schwester der angehenden Naturwissenschaft, wenn auch sie nicht greifbar war. Sie ging ihre Arbeit etwas höhnisch an. Er, wir, uns, sie, Figuren kennen ihr Werk. Man verfällt dem Anblick, spricht über Gefühle, die sehr tief reichen und das Schicksal erscheint so fremd, wie das große Geheimnis unseres Lebens. Der Blick für solche Dinge erlischt zwischenzeitlich und wird unbeantwortbar. Denn es handelt sich um zusammengetretene Empfindungen. Wusste er was es bedeutet? Er habe keine Macht über Raum, den er geschaut und gelernt, das Unberechenbare, der Leib brach und rührte sich kaum. Das wusste er, wohl, auch wenn niemand deshalb auf ihn einstürmen könne. Er führte diese Lehren, die ihm selbst völlig unbekannt waren. Er ging in Gedanken zum Regal des Zimmers und entnahm einem Buch die Behauptung auf einer Landstraße ohne jede Ankündigung hin und her zu fahren zu können. Das war so fern, doch es mochte seine Frage beantworten. Jede fruchtbare Reflexion enthielt den Keim des geraden, das Zimmer stand voller solcher geraden Einheiten. Diese Zweigeschichtlichkeit, durch Äther, ohne Erschüttern, die das Leben der Hölle anerkannte. Er bebte. Lag schon längst auf dem Rücken. Er dachte an Liegehallen, blickte in Gedanken auf die Liegestühle, an die Kranken. Dachte an Namen von Personen, dessen Genesung er erwartete. Er sah ihn in Gedanken an, voll Schlaf und Traum. Dieser schöpferische Mensch! Neuformung, Glück und Tod. Er sah die Halle entlang. Nach den Gesetzen des Mathematischen in das Intuitive hinein. Er war ein freundlicher Mann. Er trat vor einen Rachen, beschaute diesen mit seinen Händen und wusste gleichzeitig nicht wie er zusammengehörte. Er war weich, jenseits der Empirie, mürbe und voll Blut. Er hielt diese Hypothese der Realität in seinen Händen und musste forschen was um des Kindes Willen, dass schon blau ein wenig tiefer in die Schläfe ging und damit mit früheren Erfahrungen in Einklang stand. Man muss sich etwas nur genug wünschen, dachte er. Und dies mit früheren Erfahrungen in Einklang bringen. Er wird nach Haus gehen, dachte er. Die Genesung wird stark. Er wird seinen Sohn und die Tochter anweisen, um sich der Allgemeinvorstellung zu entziehen. Wie Veilchensträuße so blau, ein Zusammenfluss aus hellblau bis orange. Überall wohin er sah sprießten die Orchideen. Er lachte dabei selbstgefällig. Welch ein Glück dieser Sammler doch hatte!  Er fühlte tief. Wie ein Fachmann innerster Empfindungen. Jedoch das Frühstück erinnerte an einen Schlachthof. Was tut dieser Leib? Er stand seinen Augen Antwort und Rede. Mit ernsten Gegenständen befassten sie sich, mit Messern und Geräten. Diese zwei Augen gingen ihm entgegen. Wo bin ich? Ein Flattern ein Vorübergehen ergreift mich. In größerem Kreise berichtete er von diesem Schloss der Gedanken, welches er geschaut. Doch dieses Silberkorn erschien ihm nun als Schein und eigentlich erloschen. Er fand keinen Halt, keinen Griff. Zerfallen war der raue Morgen.  Mit dem Vertrauen war er in sein Zimmer zurückgekehrt. Drehte sich, tat ein paar Schritte, stand aufrecht. Vom Fenster beobachtete er die Schwestern, er roch, schloss die Augen, als prüfe er die Luft. Welch ein Geschöpf! Er schluchzte, striff mit dem kleinen Finger über ihren Leib auf der Scheibe. Da brach es wieder über ihn herein, das Unbegreifliche Mythische, das er bereits am Morgen erlebt hatte. Doch er tat im Grunde nichts. Allmählich brach die Nacht herein, und das Sanatorium glich einem Wald. Er sank nieder. Als dies bemerkt wurde, rief man die Schwester.  Es durchfuhr sie als er so lag. Für ihn war sie zu diesem Moment nicht mehr als ein Baum, umgeben von Tieren. Und der Schauer überkam ihn, doch er vergaß es bald. In seinen Ohren rauschte der Sommer. Ihm schaukelte es, er träumte vom Beischlaf. Er spürte diesen Drang der Erde. Im Taumel verschloss er sich dem Taumel der Gewalten, doch nicht so sein Blut. Roh floss es hinaus. Nicht so offenkundig, aber dennoch floss es. Warm so ein Leib voll, dachte er beim Dasein. Man trug ihn dann sogleich wieder an seinen Ort. Sein Ausbrechen verhindert, lag er alsbald. Und auch der Schweif der Wirklichkeit streifte vorbei, zugegeben wenig geachtet.

Weiterlesen & hören

Das Thema ist der erste Weltkrieg, oder sagen wir die Erfahrung eines Versehrten. Rund um das Thema drehen sich viele Bücher aus der Epoche, deshalb schadet es nicht sich mit dem gesamten Zeitgeist auseinander zu setzen. Ich empfehle hier den Podcast „Mein Freund der Baum„, wo es eine schöne Serie zum ersten Weltkrieg und Literatur gibt.