Gott der Stadt – Georg Heym

Der Gott der Stadt

1. Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.2. Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.3. Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit4. Die letzten Häuser in das Land verirrn.5. Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,6. Die großen Städte knien um ihn her.7. Der Kirchenglocken ungeheure Zahl8. Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.9. Wie Korybanten – Tanz dröhnt die Musik10. Der Millionen durch die Straßen laut.11. Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik12. Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.13. Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.14. Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.15. Die Stürme flattern, die wie Geier schauen16. Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.17. Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.18. Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt19. Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust20. Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.


Die personifizierte Großstadt

Dieses Gedicht ist glaube ich das bekannteste von Georg Heym und gehört zu den Vorzeigegedichten der Großstadtlyrik des Expressionismus. Das Motiv der Großstadt wächst zur Personifikation in Form einer gottesgleichen Figur an. Die Umstände unter denen dieses Gedicht entstand, sind dieselben wie bei allen Expressionisten, die das Großstadtmotiv verwenden. Die Technisierung der Gesellschaft, die bahnbrechenden Entdeckungen in der Wissenschaft, besonders in der Medizin, beispielsweise die Psychoanalyse Freuds, haben die Menschen verunsichert. Eine Entwicklung die in der Vergangenheit locker Jahrhunderte brauchte, vollzog sich zur Zeit der Jahrhundertwende binnen weniger Jahre. Für die Menschen war das ein gewaltiger Fortschritt, doch gleichzeitig wurde dieser Fortschritt von Gefühlen der Angst und des Kontrollverlustes begleitet. Ebenso wie es heute Science-Fiction-Filme gibt in denen Roboter das Denken der Menschen übernehmen. Die Tendenz in Richtung solcher Weltuntergangsszenarien ist steigend. Denn Themen wie der schnelle Fortschritt und das Übersteigen der bisherigen Möglichkeiten ist ein Thema, das bis heute hochaktuell geblieben ist. In diesem Kontext entstand dieses Gedicht, das geradezu programmatisch wirkt. Dem Menschen ist die Welt außer Kontrolle geraten, sie entzieht sich seiner Vorstellungskräfte. Diese Übermacht manifestiert sich hier in Form eines Gottes. Denn das Wort Baal ist ein hebräisches Wort für Gottheit. Ebenso wie Gott in der Religion, lenkt dieser Gott den Menschen der Großstadt. 



Mit Worten Bilder malen

Was am Expressionismus besonders eindrucksvoll wirkt, sind seine Bilder. Die Thematik dreht sich oft um Untergang und Apokalypse. Das kann auch zur Nebensache werden. Viel stärker ist die Bildhaftigkeit. Diese resultiert aus der Magie der Worte, einer eigenen Poesie, die nicht unbedingt verstanden werden will. Es genügt, das Bild was sich im Moment des Lesens formt, in sich aufzunehmen. Das Erleben steht hier im Vordergrund. Ein Gedicht wie dieses ist dafür ein großartiges Beispiel. Aber das gilt für den Großteil der expressionistischen Lyrik. Die Poesie geht teilweise so weit, dass die verwendeten Worte so fremd sind, dass man sie tatsächlich nicht mehr versteht, dies gilt vor allem für Gottfried Benn. Das heißt die Bedeutungszuschreibung geht so weit ins Abstrakte, dass sie schlichtweg nicht mehr fassbar ist.

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