Gedicht 1886 – Gottfried Benn

Im folgenden soll das Gedicht „1886“ vom Expressionisten Gottfried Benn näher untersucht werden. Unter dem Aspekt auch allgemeingültige Aussagen über seine Lyrik und die der Moderne und dem Expressionismus zu treffen. [Leider kann ich das Gedicht selbst aus Urheberrechtsgründen nicht zur Verfügung stellen]
Das Gedicht von Benn entstand 1944. Zusammengefasst ist es eine Biographie. Die Formgestaltung bedient sich dabei der Collage, einer Form die bis dato in der Lyrik ungewöhnlich ist. Bevor ich auf den Text selbst eingehe, werde ich noch ein paar allgemeine Zusammenhänge und Rahmenbedingungen skizzieren.

Moderne sprengt lyrische Formen

Bis in die Moderne, die etwa um 1900 in Deutschland in der Literatur beginnt, überwiegen klassisches Pathos und strenge Formen die Literatur. Doch bereits der Naturalismus hat damit begonnen neue Formen in die strenge Lyrik vergangener Jahrhunderte einzuführen. Ein absoluter ist hier Arno Holz mit seiner „Revolution der Lyrik“. Er forderte eine Annäherung an einen natürlichen Rhythmus der Sprache. Diese Vorstellung liegt beispielsweise der strengen Form des Sonettes fern. Hier werden Metrum, Reim und Strophenzahl streng vorgeschrieben. Man versuchte in der Moderne sich von Formen wie dieser abzuwenden. Die Begründung dafür liegt ihm neuen Lebensgefühl der Moderne. Sie versteht sich als eine vorwärtsgewandte Lebenshaltung, die den absoluten Anspruch an das Leben in der Gegenwart stellt. Konzepte wie die Formsprache des Mittelalters oder der Antike ließen sich damit nicht vereinbaren. 

Neue Formen

So entdeckte die Moderne eine Menge neuer Formen für sich. Man experimentierte und es bildeten sich im Wesentlichen zwei Lager heraus. Die rückwärtsgewandten Renaissancen, die nicht so recht mit der Vergangenheit brechen wollten. Sie versuchten alte Formen in die Gegenwart zu übertragen. Ein Beispiel hierfür sind beispielsweise die Anhänger des Symbolismus. Bei diesem Lager der Autoren handelt es sich zwar dem Inhalt nach um moderne Literatur. Die Form nimmt aber Bezug auf vergangenes. Diese Haltung wurde von den konsequent modernen Autoren verächtlich als Epigonentum bezeichnet. Nach ihrer Ansicht lassen sich Geisteshaltungen der Klassik und Antike nicht mehr in der Moderne nachweisen. Die Folge sei eine Delegitimierung von Form und Inhalt. Eine Literatur, die dies nicht akzeptiere kann damit keine reale sein. Sie verliert sich im Nachhängen an der Vergangenheit. Dies wird unter anderem dem Symbolismus in gewisser Weise vorgeworfen.
Die Avantgarden versuchten stattdessen den absoluten Modernismus auszuleben und alles neue zu probieren. Auch die Form der Collage wie in diesem Gedicht Benns ist ein solcher Ausdruck dieses Modernismus. 

Form Gottfried Benns 1886

Es handelt sich beim Gedichts Benns um ein Montagegedicht. Es setzt sich aus Textteilen einer Zeitung zusammen. Doch die Textteile stehen in keinem willkürlichen Verhältnis zueinander. In ihrer Gesamtheit und Konstellation geben sie die Ereignisse des Geburtsjahres Gottfried Benns wieder. Dadurch, dass Benn diese Texte quasi aus zweiter Hand nimmt, entziehen sie sich der Subjektivität. Was nicht bedeutet, dass sie nicht expressiv sein können. Es handelt sich damit um eine erlebnishafte Schilderung der Umstände um Benns Geburt im Jahr 1886. Der Bruch mit der Vergangenheit ist überdeutlich. Was zuvor als durchkomponiertes Gesamtkunstwerk erstrahle, wird hier auf den Inhalt einer Zeitung reduziert. 
Auffallend ist jedoch der Eingang des Gedichtes. Er beginnt mit der Schilderung allgemeiner Sachverhalte wie dem Wetter. Denkt man hier an die Lyrik des Mittelalters mit ihren Natureingängen in der Minnelyrik so lassen sich möglicherweise Parallelen entdecken. 
Die Leistung ein Gesamtkunstwerk entstehen zu lassen wird in diesem Gedicht scheinbar nicht  mehr vom Autor selbst vollbracht, sondern vom Leser. Er stellt assoziativ und semantisch einen Zusammenhang zwischen den Textzeilen her. Damit steht sich in der Form der Gegensatz von Heterogenität und Homogenität gegenüber. Dabei werden auch Effekte der Ironie erzeugt, wenn bestimmte Zeilen des Gedichtes aufeinander treffen.


Weiteres über Benn

Benn gehört zu den interessantesten Expressionisten der Literatur. Er war einer der wenigen Autoren, die auch nach dem Jahrzehnt des Expressionismus etwa 1910 bis 1920 weiter experimentierten, als andere Autoren die Strömung bereits als ideologisch überholt aufgaben. Er gilt als der Entwickler der „absoluten Prosa“. Dabei handelt es sich um eine Verwendung der Sprache, die in der Lage ist sich eigene Konstrukte zu schaffen, eine eigene Welt wenn man so will, in der alles so logisch, geschlossen und widerspruchsfrei ist, wie das Individuum sich dies für den Aufbau einer konsistenten Identität erhofft. Damit ist er einer der Autoren, die sehr aktiv an der Gestaltung moderner Lyrik mitgewirkt haben. Auch im Bereich der Epik, die von Expressionisten relativ selten bearbeitet wurde, gilt er als ein Wegbereiter moderner Erzählkunst. Besonders hervorheben möchte ich die Novellensammlung „Gehirne“ auf die möglicherweise noch eingegangen wird.