Die Farbe Blau im Expressionismus

Ürsprünglich war dieser Text für den Artikel zu  Gottfried Benn vorgesehen. Aber nachdem das Thema etwas aus dem Ruder lief, habe ich mich entschlossen es einmal gesondert anzugehen.

Farbsymbolik im Expressionismus

Eine beliebte Frage, oder besser gesagt ein Rätsel rund um den Expressionismus ist die Begeisterung für die Farbe Blau. Darauf versucht man immer wieder eine Antwort zu finden. Befriedigend wird diese nicht sein, denn eine eindeutige gibt es nicht. Es ist aber schon sehr auffallend, wie manche Autoren, darunter auch Benn gern die Farbsymbolik des Blauen nutzen, um scheinbar chiffrierte Verse zu konstruieren, die schwer zu deuten sind. Allgemein ist der Expressionismus eine der Stilrichtungen, die sich schwer deuten lassen. Ich würde frech behaupten, dass der Expressionismus nicht gedeutet werden möchte. Zumindest nicht immer. Der Fall ist so gelagert, dass der Expressionismus wie die Bezeichnung auch schon andeutet, expressiv vorgeht, energiegeladen und wahnsinnig emotional. Er zielt gerade darauf ab extrem zu sein und durch völlige Überreiztheit in uns Bilder zu erzeugen (siehe auch „Stilmittel des Expressionismus„). Da kommt die Farbsymbolik ganz gelegen.

Farben und Emotionen

Denn wir alle kennen die Interpretation von Farben wie Rot steht für Leidenschaft, Wut, Impulsivität. Grün für die Natur, Hoffnung. Blau steht dabei für Kälte, die Farbe des Himmels, Sehnsucht und Klarheit. Ganz gleich wie der Expressionismus sich Farbsymbolik zu Nutze macht, denn es ist Vorsicht geboten, der Expressionismus greift nicht selten Traditionen und Konventionen auf, um sie zu zerbrechen. Das heißt eine Erklärung zur Deutung der blauen Farbsymbolik kann genauso gut voll ins Leere laufen. Es geht meiner Meinung nach um den allgemeinen Umstand, dass wir Menschen Farben mit Emotionen verbinden, sie emotionalisieren und ihnen damit indirekt Gefühle geben. Trotzdem werde ich es nicht unversucht lassen einmal einen weiteren Versucht zu starten, sich der Interpretation zu nähern. Ich muss aber anmerken, dass man an dieser Stelle für meine Begriffe den literaturwissenschaftlichen Bereich verlässt, da der Ansatz sehr hermeneutisch ist.

Farbwirkung

Blau ist  kalt, also nüchtern und auch klar. Menschen sind das Gegenteil davon, sie sind gefühlvoll, warmherzig (im Optimalfall). Das wäre schon eine Erkenntnis, die man festhalten kann. Blau ist also das, was ein Mensch nicht ist. Also wirkt die Emotion in Blau unmenschlich kühl und vielleicht fremd. Blau ist auch das Symbol für Ferne, der Himmel ist blau und der ist nun mal fern. Wenn wir in die Ferne schauen, auf dem Meer, ins Unendliche sehen wir nichts mehr außer dem Himmel. Auch damit scheint blau wieder irgendetwas von Ferne als Gegenteil von Nähe (Rot steht für Leidenschaft und damit menschlicher Nähe) zu bedeuten. (Auch das halten wir fest). Denn damit verbindet man auch Sehnsucht, für alle die sich gern in die Ferne träumen. Mit träumen, Sehnsucht und Ferne verbindet der eine oder andere wahrscheinlich auch Melancholie und Nachdenklichkeit. Das ist gar nicht so weit hergeholt. Im Englischen existiert beispielsweise die Aussage: „feel blue“. Damit ist nicht das gleiche wie im Deutschen gemeint, sondern es drückt aus, dass man nachdenklich, traurig und melancholisch ist. Blau steht außerdem oft für Mystik und Magie. Belege findet jeder wahrscheinlich selbst heraus. Als letztes glaube ich, dass Blau zum Beispiel in der Natur recht selten ist, abgesehen vom blauen Himmel und dem Wasser. So haben blaue Blumen, blaue Edelsteine, allesamt eine Anziehungskraft des Besonderen. Ich möchte jetzt die esoterische Ebene wieder verlassen, ohne aber die Grundgedanken zu vergessen. Blau ist kalt, fern, Sehnsucht und Melancholie. Farben haben seit jeher Bedeutungen für Menschen, auch für jeden persönlich das darf nicht vergessen werden. Eine Interpretation kann auch aus diesen Gründen schief gehen. Vielleicht mochte Benn die Farbe Blau einfach besonders? Denn er hat ein anderes Lieblingsmotiv die Aster, die kann auch blau sein. Alles wohlmöglich eine persönliche Vorliebe? Dafür ist die Tendenz der blauen Farbsymbolik in der Literatur allerdings ein wenig zu eindeutig, oder? Man denke hier an den Blauen Reiter, einer Gruppe aus Malern. Aber der Expressionismus lehnte offen die Interpretierbarkeit seiner Texte ab, man sollte stattdessen das Wesen der Dinge erleben, und das kann der Mensch anhand der Gefühlsebene.

Textausschnitte

Widmen wir uns an der Stelle ein paar Textausschnitten von Benn: „Jetzt saß er auf einem Eckplatz und sah in die Fahrt: es geht also durch Weinland, besprach er sich, ziemlich flaches, vorbei an Scharlachfeldern, die rauchen von Mohn. Es ist nicht allzu heiß; ein Blau flutet durch den Himmel, feucht und aufgeweht von Ufern; an Rosen ist jedes Haus gelehnt, und manches ganz versunken.“ (aus Gehirne – Gottfried Benn) „…ich schwinge wieder – ich war so müde – auf Flügeln geht dieser Gang – mit meinem blauen Anemonenschwert…“ (aus Gehirne – Gottfried Benn) „Du bist so weich, du gibst von etwas Kunde, von einem Glück aus Sinken und Gefahr in einer blauen, dunkelblauen Stunde und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war.“ (aus dem Gedicht „Blaue Stunde“ – Gottfried Benn) So oft er auch Blau als symbolträchtige Farbe verwendet wie in diesen kurzen Stichproben, würde ich diese Tatsache nicht überbewerten. Ebenso verwendet er andere Farben wie hier: „Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun. Malaiengelb […] Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun“ (aus dem Gedicht D-Zug – Gottfried Benn)

Neologismen und Geheimnisse

Dabei fällt sogar noch eine Besonderheit auf, es finden sich Neologismen darin, Wortneuschöpfungen um Beziehungen zwischen fremden Wörter herzustellen, um das Wesen der Dinge zu verändern. Bedeutungsebenen hinzuzufügen, die es vorher nicht gibt. Auffällig ist dabei allerdings die häufige Farbsymbolik, die allgemein verwendet wird. Warum der Blaue Reiter blau verwendete? Kandinsky und Franz Marc mochten die Farbe einfach, das sagten sie selbst. Also eine persönliche Präferenz. Was Benn angeht und auch andere Expressionisten, würde ich Abstand nehmen von zu tiefgehenden Interpretationen. Wer in der Schule Gedichte Interpretiert widmet sich hauptsächlich der Hermeneutik, man versucht zu dechiffrieren und Bedeutungen zu extrahieren. Wer Literaturwissenschaft betreibt weiß, das ist gerade mal eine Herangehensweise. Zur Interpretation vor allem des Expressionismus ist es wichtig das Wesen der Dinge zu Erfassen und zwar emotional und abzubilden was der Autor durch die Auswahl seiner Worte versuchte mitzuteilen. Das heißt, hier spielt vor allem die Semantik der Begriffe die Hauptrolle und die Verbindungen zwischen fremden Sachverhalten die entstehen.

Interpretation von Farben

Wer gern mit Farbsymbolik arbeitet, die sehr bedeutungsträchtig ist, sollte in der Romantik danach suchen. Denn anders als der Expressionismus ist die Farbsymbolik mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr gezielt eingesetzt. Das bedeutet nicht, dass der Expressionismus das beliebig tut, nur die Ebene der Bedeutung ist eine andere. Um abschließend zur Thematik nochmal deutlicher zu werden, beim Blauen Reiter ist nicht die „Lieblingsfarbe Blau das Besondere“, sondern der Titel selbst, dass ein Reiter nicht blau ist, die Wirkung die es entfaltet, soll den Hörer emotional treffen und aufwühlen, und nicht eine verschlüsselte Nachricht zu überbringen. Der Expressionismus ist sich dessen bewusst, dass der Mensch versucht die Dinge zu verstehen die er dort liest, die zweifelsohne schwer zugänglich sind. Es ist genau dieses Spiel aus dem Bruch mit Erwartungen aus dem Anderssein. Der Expressionismus war eine Rebellion gegen einen Zeitgeist, ein Aufbegehren. Es geht hierbei nicht um das Verstehen im eigentlichen Sinne. Denn nicht vergessen Expressionismus steht für Expressivität und Gefühl. Der Symbolismus oder wie erwähnt die Romantik bieten hierfür bessere Angriffsflächen.

Syllabus

Abschließend noch ein Gedicht, das alles gut zusammenfasst. Es ist nebenbei gesagt eines meiner Lieblingsgedichte des Expressionismus. Weil es so viel Wahrheit enthält und pointiert ausdrückt, was der Expressionismus verlangt. Der Spruch – Ernst Stadler In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,  Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:  Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,  Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,  Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,  Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschloßne Tore trüge,  Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,  Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,  Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,  Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,  Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,  Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

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