Der Spät-Expressionist Wolfgang Borchert

Einführung:

Wolfgang Borchert ist sowas wie ein Sonderfall, wenn man mich fragt. Er gehört zu den wenigen Autoren neben Gottfried Benn, die dem Expressionismus auf eine Art treu geblieben sind. Während für viele Autoren der Expressionismus „überwunden“ wurde, spätestens mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus, der eine Repression der alten Kunstformen einleitete.

Borcherts Zeit

Nach dem zweiten Weltkrieg schien vielen wie gewöhnlich in der Kunst viele Ausdrucksformen nicht mehr angemessen. Solche Tendenzen hat es bereits bei der Entwicklung des Expressionismus nach dem Ersten Weltkrieg gegeben. Doch seltsamerweise gingen diese Bestrebungen nun in eine ganz neue Richtung. Was im Expressionismus noch die Explosion war, die Überforderung der Sinne, das Überdrehte und Abtrünnige, wurde in der Neuen Sachlichkeit – der beherrschenden Kunstform nach dem zweiten Weltkrieg – ins Gegenteil verkehrt. Anscheinend hat man erkannt, dass der Jammer über das Elend, die Verzerrung der Welt keinen neuen Sinn für die Leser und Literaten mehr erkennen ließ. Die Neue Sachlichkeit wirkt in ihrer Ästhetik zurückhaltender. Statt laut aufzuschreien, wie es noch der Expressionismus tat, ist man ganz ruhig und objektiv, und zwar derart, dass es fast schon wieder eine Übertreibung ist. Der Mensch wird völlig objektiviert, instrumentalisiert und materialisiert. Er ist nicht mehr als ein Inventar des Lebens. Programmatisch ist hier das Gedicht Inventur von Günter Eich. Es beschreibt in einer sehr trockenen Sprache die Dinge, die dem Menschen der Nachkriegszeit als Besitz geblieben sind. Im Fall des lyrischen Ichs sind es nicht mehr Dinge als Anziehsachen, Rasierzeug und ein Stift. Besitztümer, die banaler und ärmlicher nicht sein können. So steht bei vielen Künstlern der Neuen Sachlichkeit die Frage im Raum: „Was ist dem Menschen der Nachkriegszeit geblieben, außer dem Sein selbst?“ In diesem Interieur bewegte sich ebenso der Schriftsteller Borchert. Eine solche Tendenz ist ebenso in seinen Texten herauszulesen. Doch mit dem Expressionismus hat er nicht abgeschlossen. Geschichte wiederholt sich, sagt man immer. Und so steht die Menschheit nach 27 Jahren wieder vor einem Haufen Scherben, den es aufzulesen gilt. Doch was lässt sich daraus überhaupt noch zusammensetzen?

Der Fall Borchert

Im Fall Borchert erinnere ich mich dabei gern an eine Kurzgeschichte – von denen er so viele in diesem Stil geschrieben hat – die sowohl die Denke der Neuen Sachlichkeit und den Expressionismus zum Ausdruck bringt. Und das obwohl diese beiden Stilrichtungen in ihrer Formsprache doch so unterschiedlich, geradezu gegensätzlich erscheinen. Die Kurzgeschichte Die Stadt beschreibt die Heimkehr eines Kriegsveteranen, eines abgehalfterten Soldaten, der ähnlich wie in Inventur nicht mehr als seine Handvoll Leben besitzt. Er sucht nach seinem Zuhause, das nicht mehr da ist. Die Heimkehrer sind das zentrale Thema Borcherts Literatur. Er ist einer der Literaten, der eine Literatur geprägt hat, die man als Trümmerliteratur bezeichnet.

Heimkehrer-Literatur

Konkret möchte ich hier auf den eben erwähnten Text eingehen. Der Heimkehrer in Die Stadt ist auf dem Weg nach Hamburg. Wie ein verirrter folgt er den Schienen die sich silbern auf das Helle zubewegen. Und das Helle, das ist die Stadt Hamburg, seine ehemalige Heimat. Wie viele Heimkehrer weiß der Erzähler nicht was ihn erwartet, was von seiner Heimat, die er einst kannte noch existiert. Entlang dieser Schienen beschreibt Borchert die Eindrücke des „Nächtlichen“, die stark an die Sprache des Expressionismus angelehnt sind, aber dennoch in einer ruhigen und gesetzten Art und Weise, die an die Neue Sachlichkeit erinnert. Die Person wird dabei durchweg als „der Nächtliche“ bezeichnet, ein Mensch ohne Charakter, ohne menschliche Züge, er wird instrumentalisiert, denn er ist durch nichts anderes als die Nacht gekennzeichnet, die ihn umgibt und zum „Nächtlichen“ werden lässt.

Der fragende Borchert & Brecht?

Die Frage, die Borchert uns den Lesern aufwirft ist eine, die uns viele Literaten in verschiedenen Kontexten fragen: „Wohin gehen wir?“ Nur dass die Sache bei Borchert nochmals eine andere ist, denn „Wohin gehen wir, wenn wir gar kein zu Hause haben?“ Ein wenig erinnert mich die Literatur Borcherts dabei an ein vielleicht porgrammatisches Gedicht, dass Brecht seinerzeit schrieb. Es nennt sich der Radwechsel. Da ich als Blogger selbstverständlich gezwungen bin auch das geistige Eigentum von Verstorbenen zu achten (Gott hab den Heiden Brecht seelig), muss an dieser Stelle der Verweis auf dieses Gedicht genügen. Zusammenfassend geht es um einen Reisenden, dessen Reifen am Auto gewechselt wird. Und obwohl er von einem Ort kommt, an dem er nicht gern ist und an einen Ort weiterfahren wird, an dem er nicht gern sein wird, beobachtet er den Radwechsel mit Ungeduld. Genauso mag es dem jungen Borchert ergangen sein, als er aus dem Krieg zurückkehrte. Doch gewinnt diese Frage nach dem allgemeinen Sinn in diesen Jahren nochmals eine neue Facette der Aktualität. Beeindruckend war in diesem Zusammenhang das Drama „Draußen vor der Tür“, das in diesem Sinne alle Möglichkeiten des Ausgeliefertseins an diese Umstände durchspielt. Und wieder klingt ein wenig brechtsche Sozialkritik an, nur ohne den scharfen Ton, den Brecht zuweilen besitzt. Sagen wir er ähnelt dem Brecht, der das Gedicht vom Radwechsel schrieb, dem späten Brecht, der in späteren Jahren etwas ruhiger geworden ist. Doch auch im Drama Borcherts klingen teilweise sehr raue Beschuldigungen an, die ein wenig stereotyp, aus dem Repertoire heimkehrender Soldaten stammen, aber dennoch an ihrer Schärfe nichts verloren haben.