Choral vom Baal – Bertolt Brecht

Choral vom Manne Baal

1
Als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal,
War der Himmel schon so groß und still und fahl
Jung und nackt und ungeheuer wundersam,
Wie ihn Baal dann liebte, als Baal kam.
2
Und der Himmel blieb in Lust und Kummer da,
Auch wenn Baal schlief, selig war und ihn nicht sah:
Nachts er violett und trunken Baal,
Baal früh fromm, er aprikosenfahl.
3
In der Sünder schamvollem Gewimmel
Lag Baal nackt und wälzte sich voll Ruh:
Nur der Himmel, aber immer Himmel,
Deckte mächtig seine Blöße zu.
4
Alle Laster sind zu etwas gut
Und der Mann auch, sagt Baal, der sie tut.
Laster sind was, weiß man, was man will.
Sucht euch zwei aus: eines ist zuviel!
5
Seid nur nicht faul und so verweicht,
Denn Genießen ist bei Gott nicht leicht!
Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch:
Und mitunter stört ein dicker Bauch.
6
Zu den feisten Geiern blinzelt Baal hinauf,
Die im Sternenhimmel warten auf den Leichnam Baal.
Manchmal stellt sich Baal tot. Stürzt ein Geier drauf,
Speist Baal einen Geier, stumm, zum Abendmahl.
7
Unter düstern Sternen in dem Jammertal
Grast Baal weite Felder schmatzend ab.
Sind sie leer, dann trottet singend Baal
In den ewigen Wald zum Schlaf hinab.
8
Und wenn Baal der dunkle Schoß hinunterzieht:
Was ist Welt für Baal noch? Baal ist satt.
So viel Himmel hat Baal unterm Lid,
Dass er tot noch grad gnug Himmel hat.
9
Als im dunklen Erdenschoße faulte Baal,
War der Himmel noch so groß und still und fahl,
Jung und nackt und ungeheuer wunderbar,
Wie ihn Baal einst liebte, als Baal war.
(aus dem gleichnamigen Drama: Baal, des jungen Brechts.)

Rausch und Vitalismus!
Das vorliegende Gedicht stellt eine Art Zusammenfassung der Handlung in Bezug auf das Drama Baal dar. In der zweiten Fassung des Dramas ist es dem eigentlichen Stück vorangestellt um als Verfremdungsmittel den Zuschauer zu irritieren. Denn es nimmt die Handlung des folgenden Dramas vorweg. Es wird daher hier auch ein wenig auf das Drama einzugehen sein, obwohl man es als eigenständiges Gedicht betrachten kann.
Der Verfremdungseffekt im Baal ist Teil der späten Theorie vom epischen Theater. Das Gedicht verkörpert eine Lebenseinstellung, die vor allem dem Autor Brecht selbst sehr nahe kommt. Das gefiel mir. Es handelt sich also um ein sehr persönliches Gedicht. Überhaupt ist Brecht in seinen ersten Werken noch sehr selbstbezogen, man möchte fast sagen ein egomaner Egoist. Aber, diese Tendenz kann man bei sehr vielen jungen Autoren beobachten. Sein Schreibstil kennt keine Tabus (man denke hier an das Gedicht vom Abort; auch im Baal zu finden) und doch schwebt er in Sphären, die so weit weg liegen, von bloßer Schwärmerei und Trivialität. 
Das Gedicht vermittelt ein lebensbejahendes Gefühl, ein Alles-auskosten-müssen. Und trotz des hier anklingenden Vitalismus, wird auch das Nichts der Existenz spürbar. Ein Anklang an den Nihilismus, als dessen Vater der Philosoph Friedrich Nietzsche angesehen wird. Das äußert sich beispielsweise in der zweiten Verszeile. Auch als Baal aufwuchs existierte der Himmel schon. Es war alles schon da. Er wird dazu weder etwas beitragen, noch wird er die Welt wie sie ist, beeinflussen können. 
Weiterhin klingt eine besondere Innigkeit zur Natur an, die im Drama selbst noch oft auftaucht. Wie beispielsweise der unerklärliche Kult, den Baal um den Wald macht. Es ist eben das Tier und die Natürlichkeit, der Trieb, den Baal verkörpert. Etwas menschliches, das doch jeder in sich trägt. Das ist, was Brecht hier zum audruck bringen will. Indem er dem Drama Baal den Untertitel: „Baal frisst! Baal tanzt!! Baal verklärt sich!!!“ anhängt. Und obwohl es eine Magie der Natur gibt, von der Baal sich angezogen fühlt, bleibt er ihr gegenüber eher distanziert. 
Überhaupt tut Baal wonach ihm der Sinn steht. Er lebt den konsequenten Vitalismus, der sich hier vor allem in einer Art Gleichgültigkeit gegenüber allem fremden manifestiert. Das was anderen Menschen hier als Sünde zugesprochen wird und kein Teil von gesellschaftlicher Sitte ist, ist für Baal Normalität. Konventionen und Normen interessieren ihn nicht. Das was die Allgemeinheit als Laster betrachtet, ist für ihn nur eine Form zu leben. Denn Leben gestaltet sich nach seinen Vorstellungen nur durch das Streben nach Befriedigungen, ganz egal welche moralischen Vorstellungen der Gesellschaft versuchen dies zu reglementierten. 
Trotzdessen, dass hier schon auf eine gewisse nihilistische Lebenseinstellung vertreten wird, leugnet Baal nicht die Anwesenheit Gottes. Aber genau genommen ist er es selbst, den er für Gott hält. (Baal bedeutet in der Übersetzung Gott oder Herrscher). Er verhöhnt Gott und die, die sich was aus Glauben machen. Selbst der Tod kann ihn nicht beeindrucken, er wird hier im Gedicht durch die Geier symbolisiert.  Auch nachdem Baal tot ist, wird wieder ein Hinweis auf das Nichts von dem die Welt durchdrungen ist, gegeben. Denn Baal war einst, er liebte, er war nackt, doch nun fault er ebenso. Und der Himmel existiert noch immer. Auch ohne Baal. Vom Stil her ist es schwierig zuzuordnen. Der frühe Brecht bewegt sich noch im vom Expressionismus beeinflussten Metier. Kann aber mit der Weltanschauung der Expressionisten, die dem Verlust der Identität und des Sinns nachtrauern nichts anfangen. Das Leben ist selbstzweck. So könnte man die hier vertretene Einstellung zusammenfassen. Später nähert sich Brecht dem Stil der Neuen Sachlichkeit. Er bewahrt sich aber immer seinen Brechtschen Stil, der immer wieder für Überraschungen bekannt ist, und weder Hohn noch Kritik scheut.[1][2]
Der späte Brecht entfernt sich also immer mehr vom Pathos der Expressionisten. Auch das Drama Baal sollte bereits ein Gegenentwurf zum Pathos des Expressionismus werden. Jedoch finden sich viele Stilmittel des Expressionismus in diesem Drama. 

Mittlerweile existiert auch eine Hörfassung sowie ein Film jeweils von Mathias Schweighöfer. In jedem Fall hörens- wie sehenswert.


[1] Damm, Benjamin: Baal und das Epische Theater. Grin 2011.
[2] Müller, Klaus-Detlef: Bertolt Brecht. Epoche – Werk – Wirkung. München: Beck 1985. S.90-99.