Der Expressionismus und der erste Weltkrieg

Ich beginne den Artikel mal mit zwei Zitaten:

„Jetzt verlöschen die Lichter in ganz Europa“ (Edward Grey)

„Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittags Schwimmschule“ (Franz Kafka).

Das erste Zitat stammt vom Außenminister Großbritanniens, das zweite vom Prager Schriftsteller Franz Kafka. Ich möchte an dem Zitat zeigen, welche Perspektiven zum ersten Weltkrieg herrschten. Besonders interessant scheint der Ausspruch von Kafka zu sein. Er hebt ein Weltereignis auf dieselbe Stufe mit einem belanglosen Alltagserlebnis. Das tut er nicht ohne Geringschätzung. Aber mit dieser Vereinfachung des Problems, ist er einer der wenigen Schriftsteller, die den Krieg völlig ignorieren wollten. Das erste Zitat stammt von keinem Schriftsteller, aber es fasst wesentlich besser zusammen, welcher Ruck durch die Kunst ging, als der Krieg begann. Der Expressionistische Stil wurde durch nichts so stark beeinflusst wie den Ersten Weltkrieg. Aber die Quelle seiner Entstehung ist dieselbe, die auch den Krieg selbst entstehen lässt. Das Ergebnis ist einmalig – für die Kunst – für die Menschheit blieb es das leider nicht. Ich möchte in einer detaillierten Erklärung die Entstehungsgeschichte des Expressionismus aufzeigen.

Beginn der Moderne: Der Lord-Chandos-Brief

Ein tragenden Beispiel, dass in der Literaturwissenschaft als Beginn der Moderne angesehen wird ist der sogenannte „Lord-Chandos-Brief“ von Hugo von Hofmannthal (1902). In diesem erfundenen Brief an eine historische Persönlichkeit schildert der Autor, dass er nicht mehr im Stande ist, sich literarisch zu betätigen. Das Schreiben ist ihm unmöglich geworden. Aber warum? Der Brief deutet in ersten Ansätzen an, was die Menschen in der Moderne beschäftigt. Wir haben begonnen unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, wir sind selbstbestimmt und frei. Die Kirche hat ihren Einfluss verloren, an die Stelle von Gott ist, …niemand getreten. Und genau liegt der Grundkonflikt. Alles was der Mensch vorher ungefragt übernehmen konnte, was ihn dazu brachte sich ganz zu fühlen, ist verloren. Stattdessen brechen alle Dinge über einen herein, das tausendfache an Möglichkeiten getrieben von einer unglaublichen Entwicklung gesellschaftlich, kulturell und technisch, dass einem schwindelig wird. Er schreibt ihm sei „…völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen…“. Es wird ihm unwohl Worte wie Geist oder Seele auszusprechen. Denn erstmals fällt dem modernen Menschen auf, dass er deren Bedeutung niemals erfasst hatte. Die Instanz die das erledigte, sei es Gott oder ein Herrscher der alles unter Kontrolle hält, sind verloren. Weil es ihm unmöglich wurde, diese Gedanken zu Ende zu führen, beginnt er sich selbst fremd zu fühlen. Aus der Sinnkrise entwickelte sich später bei den Expressionisten eine regelrechte Ich- und Identitätskrise.

Fehlgeleitete Moderne

Die Moderne hatte allgemein keinen guten Stand. Von den Künstlern des Futurismus wurde die Moderne als uneingeschränkte Bejahung des technischen Fortschritts gefeiert. Aber der Beginn der Moderne um die Jahrhundertwende hinterließ meistens ein Gefühl der Leere oder der Ohnmacht bei den Menschen. Das Bewusstsein – das ist die Moderne, hier hat sie begonnen – entstand nicht selten aus einer negativen Haltung heraus.

europäische Sinnkrise

Schon vor Beginn des Krieges, mit dem Beginn der Moderne war Europa von einer Sinnkrise erfasst worden. Sie bildet die Grundlage all dessen, was später geschehen sollte. Es kamen Fragen auf, die die gesamte westliche Zivilisation in Frage stellten. Man muss sich vorstellen, in den Jahrhunderten davor war es normal, dass der Sohn eines Arztes auch Arzt wurde, oder Sohn eines Pfarrers denselben Berufsstand antreten sollte. Weil die Welt klein und in sich geschlossen war. Niemand fragte nach dem Warum. Doch die Moderne, allem voran die Technik, begann damit die Menschen zu entgrenzen, räumlich aber auch kulturell. Schau was die Welt mir alles zu bieten hat, so viel, dass ich es nicht fassen kann. Im Allgemeinen beschreibt das ein Lebensgefühl was uns heute völlig selbstverständlich ist.

Aber auch heute spüren wir manchmal den Schmerz, die Unsicherheit, die daraus resultiert. Wer sind wir? Wohin gehen wir? Wer diese Fragen zu weit spinnt landet in einer Depression. Und nichts anderes fand in einer gesamten Zivilisation statt. Das ist gelinde gesagt, eine Katastrophe. „Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden“ (Thomas Mann) Eine Krise beginnt mit einem Problem, einem schwerwiegenden, das man zu lösen versucht. Und die Lösung, die man dachte, wäre eine Reinigung von allem. Seit Jahren hat man damit begonnen, den Nationalismus aufleben zu lassen. Nahezu jedes Volk in Europa wusste es, die eigene Stärke und Überlegenheit zu betonen. Hinzu kommen die genannten Probleme die dahin führten, dass man der Welt die einen umgab überdrüssig wurde. Das funktionierte so, dass man den Schmerz der Moderne spürte und als Verlust wahrnahm, aber ebenso war den Menschen bewusst, dass sie unwiederbringlich etwas verloren hatten. Und all das was dem nicht entsprach, was dem Zeitgeist fremd war, wurde als veraltet überholt und verachtenswert empfunden.

Ich möchte nicht sagen, dass die Moderne nur negativ empfunden wurde, das wäre völlig falsch. Sie bot den Menschen Möglichkeiten der Entwicklung, beschleunigte die Welt, vergrößerte das Wissen und änderte grundlegend das Bewusstsein. Leute begannen sich zu langweilen, das Bürgertum, das Geordnete entsprach einer vergangenen Wirklichkeit. Und manch einer weiß, wohin Unsicherheit plus Langeweile führen, man kennt das von Pubertierenden – zu Aggressivität. Nichts anderes war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Man hatte keine Ahnung, was danach passieren soll, aber dass etwas passieren muss war gewiss. Den Höhepunkt dieser Entwicklung finde ich in folgendem Zitat wieder: „Selbst wenn wir darüber zugrunde gehen, schön war’s doch!“ (Erich von Falkenhayn)

Rebellion und Identitätskrise im Expressionismus

Der aufkommende Expressionismus und dieser entstand bereits vor dem Ausbruch des Krieges, formierte sich als Kritik am gesellschaftlichen Normensystem. Das Bürgerliche hatte man sich zum Feind erklärt. Ich denke da dem Expressionismus vor allem junge Künstler verfallen waren, Kinder der Moderen, steht das Gewand des Expressionismus ein Stück weit in der Tradition jugendlichen Aufbegehrens gegen die Eltern und Väter. Diese Haltung markiert auch den Beginn einer neuen Generation und nicht selten (wenn nicht sogar immer) den absoluten Bruch mit der Generation der Eltern.

Darin liegt etwas Menschliches, hier sehen wir dies in der Kunst. Man wollte neu, krass und anders sein. Mit Erfolg. Ein bekanntes Stichwort was in diesem Zusammenhang fällt ist das Motiv des Vatermords. Sozusagen als Steigerung der Ablehnung gegen die ältere Generation. Hasenclever ist hier ein Vertreter mit seinem Stück Der Sohn. Ich möchte hier kleine Teilaspekte aufgreifen, die die Thematik der Ablehnung gegen die Bürgerlichkeit verdeutlichen. Hasenclever beschreibt den Vater, als Gegenentwurf zur Lebensvorstellung des Sohnes. Er ignoriert die Selbstbestimmungsansprüche des Sohnes. Spricht ihm die Fähigkeit, die Erfahrung auf ein eigenes Leben ab. Der Vater erwartet gehorsam, typisch für die wilhelminische Generation. Der Sohn empfindet dieses unreflektierte Gehorsam als sinnlos. Der Vater ist unfähig zu erkennen, dass der Sohn entwachsen ist und nach eigenen Regeln handelnd seinen Lebensentwurf zum Erfolg führt. Der Sohn erreicht mehr und mehr was dem Vater in seinem Leben versagt blieb, erwartet aber gleichzeitig Respekt für dessen Lebenswerk. Ein familiär beschränkter Konflikt mag man meinen, aber es ist das Symptom einer ganzen Generation.

Die bestehende Gesellschaft empfand man als starr und unentwickelt, eingeschlafen, langweilig wenn man so will. Aber in einer stark ablehnenden Form, man verachtete das Alte regelrecht. Hier spiegelt sich wieder einmal der Drang des Modernismus. Aber wie ich später noch ausführen werde, die Kunst und das Pathos des Expressionismus ist streng genommen nicht modern. In ihr dominiert nicht selten das Gefühl des Weltschmerzes. Eine Anekdote nebenbei, der Begriff Weltschmerz hat sich als typisch deutsches Phänomen etabliert, er hat es sogar als Lehnwort in die Englische Sprache geschafft, weil es dafür keinen adäquaten englischen Begriff gibt. Dazu später mehr. Es handelt sich also um eine Kunstrichtung von der sich vor allem junge Leute angesprochen fühlten, das zeigt sich auch im vermehrten Auftauchen von Hobbydichtern. Es gibt eine ganze Reihe von Namen unter den Expressionisten, die nach ein paar kleinen Gedichten es mit dem Dichten sein ließen. Das muss nicht heißen, dass deren Werke keinen Beitrag geleistet hätten. Es soll an der Stelle nur zeigen welchen massiven Zuspruch die Kunstrichtung unter der jungen Generation fand, so anziehend, dass der eine oder andere darüber nachdachte, ein Dichter zu werden.

Die starke Distanz zum Bürgerlichen, erkennt man ebenso an den Titeln der literarischen Zeitschriften, die zu dieser Zeit zahlreich gegründet wurden: Der Sturm, Der Brenner, Die Aktion. Allesamt sehr martialische Titel, aus heutiger Sicht etwas antiquiert oder vielleicht übermäßig mit Krieg und dem Reich assoziiert. Aber von diesen gab es zahlreiche, kleine und große, dort formulierte die neue Künstlerschaft ihre Gedanken, veröffentlichte ihre Programmschriften. Einige davon sehr pathetisch, vielleicht auch größenwahnsinnig. Beim Lesen der Programmtexte schlägt einem auf jeden Fall die unbegrenzte Begeisterung dieser Künstler entgegen. Der Expressionismus war das literarische Ausrufezeichen der Vorkriegsgeneration.

Kasimir Eschmid – Über den dichterischen Expressionismus […]. Es kamen die Künstler der neuen Bewegung. Sich gaben sich nicht mehr die leichte Erregung. […]. Ihnen war der Moment, die Sekunde der impressionistischen Schöpfung nur ein taubes Korn in der mahlenden Zeit. Sie waren nicht mehr unterworfen den Ideen, Nöten und persönlichen Tragödien bürgerlichen und kapitalistischen Denkens.  Sie sahen nicht. Sie schauten. Sie photographierten nicht. Sie hatten Gesichte. […]“

In diesem Text kommt ebenso zum Ausdruck, dass der Expressionismus nicht nur mit dem Bürgerlichen bricht, sondern auch allen Kunstformen die er hervorbrachte. Was den Impressionisten widerfuhr, die Ablehnung als rebellische Kunstrichtung, die durchaus seine Not hatte sich zu behaupten, war den Expressionisten noch nicht genug. Für sie war es eine hohle Pose. Eine Kunst, die den Menschen ausgeklammert hat. Und damit die Verhältnisse des Bürgertums ausblendet. Unterm Strich war ihnen der Impressionismus zu ruhig, zu sehr in Grenzen gefangen.

„[…]. Die Realität muss von uns geschaffen werden. Der Sinn des Gegenstands muß erwühlt sein. Begnügt werden darf sich nicht werden mit der glaubhaften, gewähnten, notierten Tatsache, es muß das Bild der Welt rein und unverfälscht gespiegelt werden. Das aber ist nur in uns selbst. […]“

Tja was will uns Eschmid damit eigentlich alles sagen? Er fordert das eigentliche erkennen des Menschlichen, des Subjektiven. Wir sollen nicht nur schauen, die Welt um uns herum wahrnehmen. Wir sollen sie aufnehmen, sie soll „erwühlt“ sein, natürlich in Anspielung auf erfühlt. Dabei sollte es ekstatisch zugehen, laut, verstörend, echt eben. Abschließend möchte ich noch ein Gedicht präsentieren, das thematisch und vor allem stilistisch zeigt, was der Expressionismus erwartet.  

Alfred Lichtenstein – Der Sturm Im Windbrand steht die Welt. Die Städte knistern. Halloh, der Sturm, der große Sturm ist da. Ein kleines Mädchen fliegt von den Geschwistern. Ein junges Auto flieht nach Ithaka. Ein Weg hat seine Richtung ganz verloren. Die Sterne sind dem Himmel ausgekratzt. Ein Irrenhäusler wird zu früh geboren. In San Franzisko ist der Mond geplatzt

Distanz vom Naturalismus

Ich hatte bereits angedeutet, dass der Expressionismus mit allen vorhandenen Kunstrichtungen abrechnete. Eine weitere etablierte neue Richtung neben dem Impressionismus war der Naturalismus. Und wer den vorherigen Artikel mit dem Auszug von Eschmid aufmerksam verfolgt hat, dürfte merken, er ist genau das Gegenteil dessen was der Expressionismus in seinem Pathos formulierte. Der Naturalismus ist eine nüchterne Kunstrichtung, er beschreibt, mitunter prekäre Themen, kann schockieren, aber in seiner Darstellungsart ist er sehr ruhig und distanziert. Das empfinden die Expressionismus als dem Menschen fern. Wir fühlen doch alle, auch wenn wir naturalistische Literatur wie den Bahnwärter Thiel konsumieren. Schüttelt es uns denn nicht, wenn wir sehen wie ein Kind zu Tode kommt und wenn der Bahnwärter seiner Umwelt passiv gegenübersteht. Man möchte ins Buch hineinspringen, die schlafenden Menschen wecken, ihnen sagen, dass sie nicht der Spielball ihrer Umwelt sind, wie es die soziologische Milieutheorie darstellt. Genau hier setzt der Expressionismus an. Der Naturalismus will diese Gefühle erzeugen, aber warum kann er sie nicht ebenso darstellen? Und zwar in genau der gleichen Heftigkeit wie im Menschen reflektiert werden. Der Expressionismus will den Anspruch auf das selbstbestimmte Leben erneuern.

Neue Zeiten erfordern neue Formen

Unter den Soldaten waren zahlreiche Avantgarde-Lyriker, aus dem Grund, dass bei der Mobilisierung alle möglichen zur Verfügung stehenden Männer eingezogen wurden. Wie das leider so ist, die Kunst der Zeit der Moderne ist vor allem eine männliche, auch wenn sich dies im Laufe der Zeit änderte. Else-Lasker-Schüler ist ein klasse Beispiel dafür. Aber irgendwie schien das aggressive, neue den Männern der Zeit vorbehalten zu sein. Das mag zum Einen in der Natur der Sache liegen, zum anderen im Entwicklungsstand der Gesellschaft. Die große Zeit der selbstbewussten Frauen sollte nach dem Krieg kommen, denn die Männer starben, wer sollte die Gesellschaft weiterentwickeln? Die neuen Formen des Expressionismus entstanden vor dem Krieg, aber der Krieg selbst hatte den größten Einfluss auf die Kunst genommen. Alles Extreme was man suchte, brachte der Krieg. Der vollständige Bruch mit allem bewährtem. War es das was die Expressionisten suchten? Ich würde sagen ja und nein. Es war vielleicht viel mehr das was sie erwarteten. Ein Kriegsausbruch geschieht nicht aus dem Nichts, die Grundlagen dafür liegen in der Gesellschaft. Die Expressionisten taten nichts anderes als dies zu Papier zu führen, den Zeitgeist festzuhalten. Insofern ist der Expressionismus etwas wie der Messias des Krieges. Keine andere Kunstrichtung konnte so gekonnt abbilden, was sich ereignen sollte. Das Nein zeigt sich für mich in der schnell abflauenden Begeisterung für den Krieg, die meisten Dichter, die dann tatsächlich an der Front waren, erkannten schnell, das hier ist kein Spaß, keine Erneuerung, das ist das Ende. Doch dafür war es zu spät. Die Welt wurde vom Krieg überrollt, noch ehe sie bemerkte was geschah. Der Expressionismus aber schien die geeignete Form zu sein eben diese Erfahrungen wiederzugeben. Seine überhitzte und ekstatische Art, ermöglichte es die extremen Erlebnisse des Krieges festzuhalten. Auch wenn das eine oder andere Urteil darüber nüchtern ausfiel. „Er hat Körper zu Kadavern gemacht – die Geister hat er völlig unberührt gelassen.“[1]

Heldenepos

Durch den Wunsch nach Reinigung begann man den Krieg heraufzubeschwören, sich danach zu sehnen. Damit einher ging, dass man nicht selten mit extremer Begeisterung auf ein freudiges Ereignis reagierte. Diese Begeisterung ging als das Augusterlebnis  in die Geschichte ein. Man stilisierte Soldaten, Männer, alle die zum Krieg bereit waren zu wahren Helden, die ihre Pflicht taten. Das ist auch heute selten anders, aber man muss sich vor Augen führen, dass der moderne Mensch dieser Zeit in einer vergleichsweise ruhigen Zeit. Es war nicht so, dass man wie in den Jahrhunderten davor mit Epidemien kämpfte, mit großer sozialer Unterdrückung oder einem bereits bestehendem Krieg. Die Menschen lebten größtenteils in Frieden und wünschten sich regelrecht einen Krieg. Diese Entwicklung findet auch heute noch in Ländern statt, die ich hier nicht erwähnen möchte. Nichts desto trotz wirkt es absurd. Personen wie Churchill, die später an Friedensprozessen beteiligt waren, auch nach Ende des zweiten Weltkrieges ließen sich zu dieser Zeit zu Aussagen wie dieser hinreißen:

„Um nichts auf der Welt möchte ich diesen herrlich aufregenden Krieg missen“ (Winston Churchill)

Doch es gab auch Stimmen, die schnell bemerkten, was wirklich begonnen hatte. So fasst Kurt Tucholsky den Kriegsbeginn treffend zusammen:

„Die Luft lastete, Staub wirbelte allerorten auf, ohne dass das erlösende Gewitter kam. Es war, als ob einer den Atem anhielte. Dann grollte es.“ (Kurt Tucholsky – Der Geist von 1914)

Kriegs-Freude: Die moderne Reinkarnation

Erstaunlicherweise begannen aber auch vor Ausbruch des Kriegen einige Literaten damit visionäre Texte zu schreiben. Untergangsszenarien herauf zu beschwören. Auch wenn man diese heute gern als Visionen interpretiert, die den Weltenbrand und das Elend des Krieges vorausahnten, darf man  nicht vergessen, dass wenn auch verhalten oft eine Begeistung und Faszination mitschwang. Der Wunsch nach Wiedergeburt und neuer Lebendigkeit schlug sich auch in den Gedichten der Expressionisten nieder. Der Expressionismus hatte seine Geburtsstunde in der Moderne, in der Krise. Die Literaturwissenschaft bezeichnet den Expressionismus eigentlich sogar als nicht moderne Stilrichtung. Aus dem Grund, dass der Expressionismus die Moderne nicht akzeptieren konnte. Er formulierte ständig den Schmerz der ausgelöst wurde und alle Verwirrungen, die über den Menschen hereinbrechen. Der Futurismus als kleines Gegenstück nahm diese Entwicklung begrüßend und naiv hin, während der Expressionismus flapsig gesagt jammerte. Ein schönes Beispiel ist das Gedicht Weltende von  Jakob van Hoddis. Es wird gerne herangezogen um zu zeigen, dass man den Sturm erwartete. Bei all dem visionären was man gern herausliest, darf man allerdings nicht vergessen, dass der Text aus Teilen von  Zeitungsartikeln entwickelt wurde. Damit ist er auch ein formales Experiment, neue Schreibtechniken anzuwenden. Es entsteht ein Gedicht, dass von der Entstehung und dem Bild eher impressionistisch ist, im Kontext der Zeit aber den Expressionismus heraufbeschwört.

Weltende (1911) Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, In allen Lüften hallt es wie Geschrei, Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut. Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Messianischer Expressionismus

Die Kriegsfreude und die Erlösung die man sich erhoffte, führte zu einer Subströmung des Expressionismus, die man als messianischer Expressionismus bezeichnet. Darin steckt das Wort Messias, der Erlöser. Es ist schon makaber Menschenvernichtung als messianische Begegnung zu interpretieren. Der Wunsch zur Reinigung ist hier ins Absurde erhöht, man hat den Krieg als das eindeutig erlösende erkannt. In anderen Kreisen der Expressionismus erwartet man ein großes Ereignis ohne genauen Bezug zu nehmen, dass es ein Krieg sein wird. Diese Unterströmung geht sozusagen den Schritt zu Ende. Es eignet sich hier vielmehr ein Beispiel anzuführen als viel zu erklären.

Kriegs-Angst: Lyrische Untergangsvisionen

Die Gedichte und Texte die in den Kriegsjahren geschrieben wurde sind gefüllt von Untergangsvisionen. Sie zeigen die Schrecken des Krieges, den die Industrialisierung, das professionelle Vernichten, mit sich brachte. Verzweiflung und Krise apokalyptische Ängste Nihilismus

Alfred Lichtenstein – Prophezeiung (1913) Einmal kommt – ich habe Zeichen – Sterbesturm aus fernem Norden. Überall stinkt es nach Leichen. Es beginnt das große Morden. Finster wird der Himmelsklumpen, Sturmtod hebt die Klauentatzen. Nieder stürzen alle Lumpen. Mimen bersten. Mädchen platzen. Polternd fallen Pferdeställe.  Keine Fliege kann sich retten. Schöne homosexuelle Männer kullern aus den Betten. Rissig werden Häuserwände. Fische faulen in dem Flusse. Alles nimmt ein ekles Ende. Krächzend kippen Omnibusse.

August Stramm

Verfasste Texte an der Front.

August Stramm – Patrouille (1914) Die Steine feinden Fenster grinst Verrat Äste würgen Berge Sträucher blättern raschlig gellen Tod.

Kriegsende

„Die Woge von Betrunkenheit, die heute vor zehn Jahren durchs Land ging, hat eine Schar Verkaterter hinterlassen“ (Kurt Tucholsky – Der Geist von 1914). Kurt Tucholsky kann es nicht besser auf den Punkt bringen, nach dem Rausch folgt der Kater. Die Folgen des Krieges sind bekannt, und so mancher Künstler des Expressionismus, der vorher dem Messianischen Expressionismus fröhnte oder sich an der allgemeinen Kriegslust erfreute musste einsehen, wohin die Reinigung des Geistes geführt hat. Zu Verrohung und Gewalt. Das ist auch einer der Gründe weshalb die Kunstrichtung nach und nach an Anhängern verlor. Man ist in eine Sackgasse geraten. Der Rausch ist vorbei und die Bühne wird frei für ein ins extreme Gegenteil verkehrte Kunstrichtung die Neue Sachlichkeit. Nichtsdestotrotz gab es Anhänger, die den Expressionismus weiter als adäquate Stilrichtung sahen, der auch in den Nachkriegsjahren seine Berechtigung hatte.

Kriegsfolgen: Postapokalypse

Folgt.

Kriegsfolgen: Rauschhaftes Leben

Der Expressionismus entstand im ersten Weltkrieg und überlebte ihn auch. Aber wieso?

Quellenangaben

  • Frank Krause – Literarischer Expressionismus, UTB Fink Paderborn 2008
  • Otto F. Best – Theorie des Expressionismus, Reclam Stuttgart 1976
  • Bode Dietrich – Gedichte des Expressionismus, Reclam Stuttgart 2001

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Podcast Mein Freund der Baum – Folge MFDB021 1914 Podcast Mein Freund der Baum – Folge MFDB026 Erster Weltkrieg Die Zweite Podcast Mein Freund der Baum – Folge MFDB029 Erster Weltkrieg Die Dritte SWR2 – Lyrische Untergangsvisionen