Der Spät-Expressionist Wolfgang Borchert

Einführung:

Wolfgang Borchert ist sowas wie ein Sonderfall, wenn man mich fragt. Er gehört zu den wenigen Autoren neben Gottfried Benn, die dem Expressionismus auf eine Art treu geblieben sind. Während für viele Autoren der Expressionismus „überwunden“ wurde, spätestens mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus, der eine Repression der alten Kunstformen einleitete.

Borcherts Zeit

Nach dem zweiten Weltkrieg schien vielen wie gewöhnlich in der Kunst viele Ausdrucksformen nicht mehr angemessen. Solche Tendenzen hat es bereits bei der Entwicklung des Expressionismus nach dem Ersten Weltkrieg gegeben. Doch seltsamerweise gingen diese Bestrebungen nun in eine ganz neue Richtung. Was im Expressionismus noch die Explosion war, die Überforderung der Sinne, das Überdrehte und Abtrünnige, wurde in der Neuen Sachlichkeit – der beherrschenden Kunstform nach dem zweiten Weltkrieg – ins Gegenteil verkehrt. Anscheinend hat man erkannt, dass der Jammer über das Elend, die Verzerrung der Welt keinen neuen Sinn für die Leser und Literaten mehr erkennen ließ. Die Neue Sachlichkeit wirkt in ihrer Ästhetik zurückhaltender. Statt laut aufzuschreien, wie es noch der Expressionismus tat, ist man ganz ruhig und objektiv, und zwar derart, dass es fast schon wieder eine Übertreibung ist. Der Mensch wird völlig objektiviert, instrumentalisiert und materialisiert. Er ist nicht mehr als ein Inventar des Lebens. Programmatisch ist hier das Gedicht Inventur von Günter Eich. Es beschreibt in einer sehr trockenen Sprache die Dinge, die dem Menschen der Nachkriegszeit als Besitz geblieben sind. Im Fall des lyrischen Ichs sind es nicht mehr Dinge als Anziehsachen, Rasierzeug und ein Stift. Besitztümer, die banaler und ärmlicher nicht sein können. So steht bei vielen Künstlern der Neuen Sachlichkeit die Frage im Raum: „Was ist dem Menschen der Nachkriegszeit geblieben, außer dem Sein selbst?“ In diesem Interieur bewegte sich ebenso der Schriftsteller Borchert. Eine solche Tendenz ist ebenso in seinen Texten herauszulesen. Doch mit dem Expressionismus hat er nicht abgeschlossen. Geschichte wiederholt sich, sagt man immer. Und so steht die Menschheit nach 27 Jahren wieder vor einem Haufen Scherben, den es aufzulesen gilt. Doch was lässt sich daraus überhaupt noch zusammensetzen?

Der Fall Borchert

Im Fall Borchert erinnere ich mich dabei gern an eine Kurzgeschichte – von denen er so viele in diesem Stil geschrieben hat – die sowohl die Denke der Neuen Sachlichkeit und den Expressionismus zum Ausdruck bringt. Und das obwohl diese beiden Stilrichtungen in ihrer Formsprache doch so unterschiedlich, geradezu gegensätzlich erscheinen. Die Kurzgeschichte Die Stadt beschreibt die Heimkehr eines Kriegsveteranen, eines abgehalfterten Soldaten, der ähnlich wie in Inventur nicht mehr als seine Handvoll Leben besitzt. Er sucht nach seinem Zuhause, das nicht mehr da ist. Die Heimkehrer sind das zentrale Thema Borcherts Literatur. Er ist einer der Literaten, der eine Literatur geprägt hat, die man als Trümmerliteratur bezeichnet.

Heimkehrer-Literatur

Konkret möchte ich hier auf den eben erwähnten Text eingehen. Der Heimkehrer in Die Stadt ist auf dem Weg nach Hamburg. Wie ein verirrter folgt er den Schienen die sich silbern auf das Helle zubewegen. Und das Helle, das ist die Stadt Hamburg, seine ehemalige Heimat. Wie viele Heimkehrer weiß der Erzähler nicht was ihn erwartet, was von seiner Heimat, die er einst kannte noch existiert. Entlang dieser Schienen beschreibt Borchert die Eindrücke des „Nächtlichen“, die stark an die Sprache des Expressionismus angelehnt sind, aber dennoch in einer ruhigen und gesetzten Art und Weise, die an die Neue Sachlichkeit erinnert. Die Person wird dabei durchweg als „der Nächtliche“ bezeichnet, ein Mensch ohne Charakter, ohne menschliche Züge, er wird instrumentalisiert, denn er ist durch nichts anderes als die Nacht gekennzeichnet, die ihn umgibt und zum „Nächtlichen“ werden lässt.

Der fragende Borchert & Brecht?

Die Frage, die Borchert uns den Lesern aufwirft ist eine, die uns viele Literaten in verschiedenen Kontexten fragen: „Wohin gehen wir?“ Nur dass die Sache bei Borchert nochmals eine andere ist, denn „Wohin gehen wir, wenn wir gar kein zu Hause haben?“ Ein wenig erinnert mich die Literatur Borcherts dabei an ein vielleicht porgrammatisches Gedicht, dass Brecht seinerzeit schrieb. Es nennt sich der Radwechsel. Da ich als Blogger selbstverständlich gezwungen bin auch das geistige Eigentum von Verstorbenen zu achten (Gott hab den Heiden Brecht seelig), muss an dieser Stelle der Verweis auf dieses Gedicht genügen. Zusammenfassend geht es um einen Reisenden, dessen Reifen am Auto gewechselt wird. Und obwohl er von einem Ort kommt, an dem er nicht gern ist und an einen Ort weiterfahren wird, an dem er nicht gern sein wird, beobachtet er den Radwechsel mit Ungeduld. Genauso mag es dem jungen Borchert ergangen sein, als er aus dem Krieg zurückkehrte. Doch gewinnt diese Frage nach dem allgemeinen Sinn in diesen Jahren nochmals eine neue Facette der Aktualität. Beeindruckend war in diesem Zusammenhang das Drama „Draußen vor der Tür“, das in diesem Sinne alle Möglichkeiten des Ausgeliefertseins an diese Umstände durchspielt. Und wieder klingt ein wenig brechtsche Sozialkritik an, nur ohne den scharfen Ton, den Brecht zuweilen besitzt. Sagen wir er ähnelt dem Brecht, der das Gedicht vom Radwechsel schrieb, dem späten Brecht, der in späteren Jahren etwas ruhiger geworden ist. Doch auch im Drama Borcherts klingen teilweise sehr raue Beschuldigungen an, die ein wenig stereotyp, aus dem Repertoire heimkehrender Soldaten stammen, aber dennoch an ihrer Schärfe nichts verloren haben.

Walter Rheiner – der vergessene Dichter

Im Sommer 2012 besuchte ich im Rahmen meines Studiums einen Schreibkurs zu Biografien. Wir haben dies und das besprochen und der Kurs sollte mit einem kleinen biographischen Ausschnitt abschließen. Im Vorfeld war ich mit einem Dichter namens Walter Rheiner in Kontakt gekommen, der mir durch seine Novelle Kokain aufgefallen war. Diese Geschichte war dermaßen eindringlich und emotional erzählt, dass ich mir dachte, ein solches Schicksal kann man nur aus eigenen Erfahrungen derart schildern. Ich lag nicht falsch mit meiner Annahme, sodass ich beginn mich mehr und mehr mit dem Autor selbst zu beschäftigen. Ich muss allerdings darauf hinweisen, dass derartige Rückschlüsse von Texten auf den Autor nicht immer vertretbar sind. In diesem Fall aber, bekam ich es mit einer außerordentlich interessanten Persönlichkeit zu tun. Seine Geschichte hat mich auch ein wenig persönlich berührt. Denn um mehr über den Autor zu erfahren, hab ich seine Archivdaten an der Akademie der Künste in Berlin durchgesehen. Leider darf man keine Fotoaufnahmen machen und es ist nur gestattet, handschriftliche Notizen anzufertigen. Aber der Eindruck den man bekommt, wenn man die echten Briefe und Handschriften eines Autors in den Händen hält, lässt einen so einfach nicht mehr los. Unter seinen Dokumenten befand sich sogar ein Rezept für Morphium, von dem Walter Rheiner abhängig gewesen war. Bei den meisten Dingen handelte es sich um persönliche Briefe zwischen ihm und seiner Frau oder Bittschriften in denen er nach Geld fragt. Aus all seinen Briefen hat sich mir ein detailliertes Bild geboten. Der Besuch des Archivs ist kostenlos und ich empfehle jedem, der großes Interesse an einem Autor hat, so ein Erlebnis einmal zu wagen. Aber nun zum eigentlichen Post:

Kurzbiografie Walter Rheiner

Ein junger Mann, gerade einmal 30 Jahre alt, entschließt sich am 12.Juni 1925 seinem Leben ein Ende zu setzen. Nachdem er an diesem so oft gescheitert ist. Am Ende seines kurzen Lebens steht eine zerrissene Liebe und Familie, eine Sucht und der Wahnsinn. Verkannt, unerhört, missverstanden und hilflos. Das ist das traurige Resümee, das Walter kurz vor seinem Ende in folgenden Zeilen zusammenfasst: „Komm, holder Schnee! Verschütte dies schwere Herz! Mit deiner Gnade zaubre die Träne starr, so aus der ewigen Quelle rinnet, täglich geboren, geliebt noch immer. O gib, daß mir aus dieser verlorenen Qual, der bittern, werde das große, das ernste Grab, darin ich mich zur Ruhe finde: weinende, liebend erlöste Seele.“ Diese Zeilen sind das Ende eines Werkes, das unvollendet blieb. Er schrieb sie, bevor er sich eine Überdosis Morphium in einem Viertel in Berlin verabreichte. Die Welt nahm davon keine Notiz. Ein solcher Selbstmord eines Süchtigen war im Berlin der 20er Jahre keine Seltenheit. Nahezu jeder kämpfte um sein Überleben in diesen Jahren. Die wirtschaftliche Lage drängte viele Menschen in die finanzielle Enge, in Existenznöte. Der Krieg fraß sich nach wie vor durch das Leben und die Köpfe der Menschen. Auch Walter hatte stets mit existenziellen Nöten zu kämpfen. Seine Tätigkeit als Dichter ward in den Wirren dieser Jahre kaum wahrgenommen. Obschon ihn viele seiner Kollegen für einen großartigen und talentierten Geist hielten. Sogar Theodor Däubler habe er beeindruckt. Conrad Felixmüller, Maler und einer der engeren Freunde Walters, war von der Nachricht seines Todes tief erschüttert. Es ist sein Gemälde, in dem er den Stil der vergangenen Jahre des Expressionismus erneut aufgreift, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es ist jenes Bild, das vielleicht Rheiner unsterblich machte, mehr noch als sein eigenes Werk. Es zeigt den Dichter im Moment seines letzten Atemzuges auf dieser Welt. Die Großstadt als Symbol seiner literarischen Manie im Hintergrund abgebildet. Sein Gesicht verzerrt vom Schmerz der Welt und in der Hand das Werkzeug seines Selbstmordes: Eine Morphiumspritze.

Die Generation Rheiners

Das Schicksal Rheiners ist eines von vielen, das die Zeit zeichnete. Das Lesen seiner Gedichte und Prosa ist wie eine stille Anteilname, sie zeugt durchweg von der Zerrissenheit dieser Jahre. Denn der erste Weltkrieg leitete in Deutschland eine neue Zeit ein. Eine Zeit deren Ausmaß vielen Menschen zu Beginn des Krieges kaum bewusst war. Die letzten Kriege fanden unter der französischen Herrschaft Napoleons statt. Damit war die Grausamkeit aus vielen Gedächtnissen verschwunden. Um die Jahrhundertwende galt eine allgemeine Aufbruchstimmung. Angetrieben durch die Instustrialisierung und Technisierung glaubten die Menschen auf der Überholspur zu fahren. Man muss sich vorstellen, einige Jahre zuvor fuhr man noch mit Pferdekutschen durch die Berliner Straßen, darauf folgte der Bau der Tram durch Berlin und die Elektrifizierung der ganzen Stadt. Die Menschheit glaubte an der Schwelle zu etwas Großem zu stehen, einer Veränderung zur Überwindung der festgefahrenen Strukturen. An einem Punkt, an dem es nur einen Weg gab: Hinaus aus den konservativ-bürgerlichen Gesellschaftsverhältnissen hin zu einem Leben, das echt ist, und frei erkämpft. Alles Neue übte eine Unglaubliche Anziehungskraft aus, der Geist der Moderne ist die grenzenlose Bejahung all dessen was unbekannt neu und fortschrittlich ist. Danach strebte man bis hin zur Selbstaufgabe. Die Industrialisierung und Technisierung hatte selbst den Kleinbürger und den Arbeiter erfasst. Wie berauscht vom Wind der Zukunft glaubte man sich immer wieder übertreffen zu müssen, sei es in der Technik, der Wissenschaft, in den sozialen Entwicklungen oder in der Kunst. Daher strebten nicht selten vor allem die Künstler nach den Wegen des Außergewöhnlichen, nach Großen Taten, abseits von rationalem Handeln. Kurzum: Es machte sich ein Gefühl, ein Pathos breit, dass nach Veränderungen strebte und bereit war hierfür über Leichen zu gehen. Aus dieser Haltung heraus folgte eine der größten Erschütterungen der Menschheit, die unglaubliche Folgen nach sich führte: Der 1.Weltkrieg. So groß die Kriegsbegeisterung dieser Tage auch gewesen sein mag, so gab es doch auch Menschen, die nicht vollständig dieser Hysterie unterlagen, auch wenn diese eindeutigen Antikriegsstimmen im Toben der aufgebrachten Menge verhallten. Unter Ihnen befand sich auch der Dichter Walther Rheiner, der wie viele Künstler nie ein politischer Akteur gewesen war. Doch diese Ereignisse sollten niemanden unberührt lassen. Das was den Expressionismus zu dem Macht, was er aus heutiger Sicht darstellt, wurde in den Schrecken des ersten Weltkrieges geboren: Die Kunstform einer überhitzten Gesellschaft, die einem hemmungslosen Selbstzerstörungstrieb nachgeht. Es gab wohl nicht viele Wege sich dem Werdegang des Soldaten als fronttauglicher Mann zu entziehen. Und die, die nicht mutig genug waren, sich an der Front selbst kriegsuntauglich zu machen ohne dabei verurteilt zu werden, sahen sich gezwungen andere Wege zu finden. Walter Rheiner entschied sich für eine Möglichkeit, die sein ganzes späteres Leben eingehend bestimmen sollte: KOKAIN.

Walter Rheiner und der Krieg

Dennoch machte auch Rheiner einige Erfahrungen an der Kriegsfront, die ihn wahrscheinlich in diesem Ausweg bestätigten. Nicht jeder bejahte den Krieg, vor allem nicht die, die ihn selbst erlebt hatten. Denn der Fortschritt der Industrialisierung zeigte sich vor allem auf dem Schlachtfeld. Neuartige Waffen, flächendenkende Zerstörung, Giftgas und Tod. Diese Erfahrung ist ausnahmslos an keinem Dichter dieser Jahre spurlos vorbeigegangen. Es werden Stimmen laut, die den Untergang der Welt verkünden, unter dem Bombenhagel, der auf sie niederregnet. Und auch Rheiner schreibt einen kleinen Prosatext, ganz in expressionistischer Manier, der den Schrecken des Krieges festhält. Aber Rheiner bedient sich hier einer nüchternen und dennoch ausdrucksstarken Sprache, die das Beschriebene nur noch anschaulicher machen. Diese „Drei Fragmente aus einer Kriegsnovelle“ lassen erahnen wie viel autobiographisches Material in ihm steckt. Hier ist von feurigen Bändern die Rede, die den Atem der Menschen zuschnüren, von Leichenduft und verhallenden Befehlen der Offiziere unterm brennenden Himmel. Man kann sagen, dass diese Erfahrungen den Dichter nachhaltig beeinflusst haben. Wenn er auch nicht in vielen seiner Texte den Krieg zitiert, so merkt man ihm und allgemein dem Zeitgeist diese verstörende Komponente an. Rheiner sucht Schutz vom Krieg. Er flieht nach Berlin, was seine zweite Sucht ausmachen wird: Die Großstadt.

Drogensucht

Für ihn begann die Entscheidung gegen den Krieg, mit einer für eine Droge an dem auch viele weitere Größen der Kunst und Wissenschaft ihre Seele verlieren sollten (Beispiel Freud und das Kokain). Im Falle Rheiners kann man jedoch vielmehr von einer Entwicklung sprechen, die ihn zu dem machte, was seinen Nachlass ausmacht. „Sie“ gab ihm die Gedanken, die er in seinen Texten verfestigte. Sie war seine Triebfeder, die schließlich, den bedeutendsten Text seines Oevres ermöglichte. Und so wiedersinnig es klingen mag, möglichweise wäre aus ihm ohne diese Erfahrungen nie ein echter Dichter des frühen 20.Jahrhunderts geworden. Doch so sehr seine Kunst möglichweise zumindest zeitweise von diesen Erfahrungen zu profitieren scheint, so bitter scheiterte er am Leben selbst. In häufiger Armut lebend, zeugen auch seine zahlreichen Bittschriften und Briefe aus dem Nachlass von einem existenzbedrohten Dichter. Sogar an Walther Rathenau richtet er Bitten um etwas Geld zum Lebensunterhalt. Dort heißt es: „…gewähren Sie mir als einem jungen Berliner Dichter und Schriftsteller mit Familie (Frau und 2 Kindern) … Unterstützung … in größter wirtschaftlicher Bedrängnis.“ Seine Geldprobleme ziehen sich durch das gesamte Leben Rheiners.

Zerbrechen sozialer Beziehungen

Seine Frau Friedericke Olle, die er im Februar 1918 in Berlin heiratet, scheint sehr betroffen vom Schicksal ihres Mannes. Liebt ihn bis zuletzt mehr aus Mitleid. Die Anklagen ihrerseits am Lebenswandel Rheiners werden immer lauter: „Ich will dich nicht im geringsten kränken, aber wenn Du in Zukunft nicht wichtigere Werke schaffen würdest, so hätte ich zu viel von dir gehalten.“ Dieser Brief 1920 an Walter Rheiner-Schnorrenberg gerichtet, zeugt von der tiefen Kluft, die Rheiner in die Beziehung beider gerissen hat. Es ist ein harter Ton, ein anklagender. In den Jahren zuvor scheint sie noch ebenso zu leiden, unter der Sucht, die ihn plagt, unter seinem Misserfolg. Die Briefe dieser Zeit sind emotional, angespannt. In einem Tagebucheintrag schreibt „Fo“, wie Rheiner seine Frau liebevoll nennt: „… er sah eben so blaß aus und als er heute Abend nach Hause kam, fieberte er sogar, aber nicht allein vor Kummer, sicher ganz unabhängig davon…“. „Ich war lieb zu ihm, kühlte seine Stirn, wir sind noch böse zueinander und ich habe einen Stolz, der mir verbietet ihm näher zu treten…“. „Ich bin nicht mehr seine Fo.“ „Er sagte es ja vor ein paar Tagen klar … an meinem Buche hast du keinen Teil!“. Es sind die Worte einer verzweifelten Frau, die nicht weiß, wie sie ihm helfen kann. Seine Erfahrungen dieser Tage verarbeitet Rheiner im berühmten seiner Texte, dem er den Titel „Kokain“ gibt. In einer Art autobiographischer Manier lässt er einen verkommenen Burschen durch die Nacht Berlins irren, auf der Suche nach dem Glück, getröstet mit Kokain. Hier wird vor allem das Ausmaß deutlich, welches den Dichter längst erreicht zu haben scheint. Denn eines ist ganz klar, diese Worte sind die Worten eines erfahrenen Drogensüchtigen, die keiner Phantasie zu entspringen mögen. Auch wenn er sich nicht explizit als Person dieser Handlung bezeichnet, so ist es genau Rheiner, den man aus diesen Zeilen herausliest. Sein Schicksal, sein Leben. Die Worte sind tief zerreisend, emotional. Das Ende der Geschichte ist ein Selbstmord mit einer Pistole. In den Kopf geschossen, am Ende einer qualvollen Nacht voll Qualen durch den Entzug der Droge. Es ist das gleiche Schicksal, dass auch den Verfasser dieser Zeilen ereilen wird, nur dass er einen sanften Weg sucht. Es scheint als ob Rheiner hier eine Prophezeiung dessen liefert, was mit ihm unweigerlich passieren wird. Dieser Ton lässt sich ebenso aus dem Text herauslesen. Er schreibt in einer Gewissheit, die diese Erzählung genauso abschreckend wie faszinierend wirken lässt. Es sind die Worte eines Toten.

Im Sanatorium

Ja ich kann es gar nicht verstecken. Ich bin ein großer Anhänger der expressionistischen Kunst. Und wer gern Literatur liest, schreibt in der Regel auch einmal etwas, um zu zu prüfen: „Kann ich das auch“. Ich schreibe nicht regelmäßig, aber doch oft genug, einfach weil es Spaß macht. Und wer etwas oft tut, wird irgendwann gut darin. Das bin ich bei weitem noch nicht. Die Intention war die, ganz wie mein Vorbild Benn „Gehirne“ von dem ich mich gern inspirieren ließ, einen Text über einen Nervenkranken im Sanatorium zu schreiben und aus dessen Sicht, die Welt zu beschreiben. Wer selbst ein wenig Benn lesen will: Es gibt ganz günstig von Reclam die Gehirne und das ist ein wirklich guter Einstieg in den harten Kern des Expressionismus.

Im Sanatorium

Die helfende Gesinnung, was blieb von ihr? Sie lag von Anfang als solche im Schatten, mit ihren zahlreichen Schamträgern, in ihrer stattlichen Hemmungslosigkeit. Um zu werden wie das Licht, und sie wollte unendlich sein, sein ja. Aber diese Lockung wurde unversehens von der Wärterin, einer Verwalterin meiner Wirklichkeit zerstreut. Welche starken Formen man fühlte! Krankheiten, die zum Gegenstand wurden, dich übermannten, angriffen und auf dem Boden den Kampf um Männlichkeit austrugen. Was soll man zu so einem Geschehen sagen? Denn wider jede Erscheinung, gilt immer etwas anderes. Leer würde diese Stelle aber nie bleiben. Es gilt festzulegen, wie man in seinem Zimmer ruht. Denn dieses enthält auch, nicht erst seit ein paar Wochen, auch nicht zu dieser Stunde, sondern als würde sie schon immer an Ort und Stelle glänzen und ihre Erfahrungen sammeln, die Wirklichkeit. Seit wenigen Jahren geschwächt, ihre Hüfte zerbrochen, wie von den Leibern abgenommen und ihre Schultern vor Chaos verrückt. Tief warf sie sich mit ihren Händen über die Bücher, die man las. Sie war die Schwester der angehenden Naturwissenschaft, wenn auch sie nicht greifbar war. Sie ging ihre Arbeit etwas höhnisch an. Er, wir, uns, sie, Figuren kennen ihr Werk. Man verfällt dem Anblick, spricht über Gefühle, die sehr tief reichen und das Schicksal erscheint so fremd, wie das große Geheimnis unseres Lebens. Der Blick für solche Dinge erlischt zwischenzeitlich und wird unbeantwortbar. Denn es handelt sich um zusammengetretene Empfindungen. Wusste er was es bedeutet? Er habe keine Macht über Raum, den er geschaut und gelernt, das Unberechenbare, der Leib brach und rührte sich kaum. Das wusste er, wohl, auch wenn niemand deshalb auf ihn einstürmen könne. Er führte diese Lehren, die ihm selbst völlig unbekannt waren. Er ging in Gedanken zum Regal des Zimmers und entnahm einem Buch die Behauptung auf einer Landstraße ohne jede Ankündigung hin und her zu fahren zu können. Das war so fern, doch es mochte seine Frage beantworten. Jede fruchtbare Reflexion enthielt den Keim des geraden, das Zimmer stand voller solcher geraden Einheiten. Diese Zweigeschichtlichkeit, durch Äther, ohne Erschüttern, die das Leben der Hölle anerkannte. Er bebte. Lag schon längst auf dem Rücken. Er dachte an Liegehallen, blickte in Gedanken auf die Liegestühle, an die Kranken. Dachte an Namen von Personen, dessen Genesung er erwartete. Er sah ihn in Gedanken an, voll Schlaf und Traum. Dieser schöpferische Mensch! Neuformung, Glück und Tod. Er sah die Halle entlang. Nach den Gesetzen des Mathematischen in das Intuitive hinein. Er war ein freundlicher Mann. Er trat vor einen Rachen, beschaute diesen mit seinen Händen und wusste gleichzeitig nicht wie er zusammengehörte. Er war weich, jenseits der Empirie, mürbe und voll Blut. Er hielt diese Hypothese der Realität in seinen Händen und musste forschen was um des Kindes Willen, dass schon blau ein wenig tiefer in die Schläfe ging und damit mit früheren Erfahrungen in Einklang stand. Man muss sich etwas nur genug wünschen, dachte er. Und dies mit früheren Erfahrungen in Einklang bringen. Er wird nach Haus gehen, dachte er. Die Genesung wird stark. Er wird seinen Sohn und die Tochter anweisen, um sich der Allgemeinvorstellung zu entziehen. Wie Veilchensträuße so blau, ein Zusammenfluss aus hellblau bis orange. Überall wohin er sah sprießten die Orchideen. Er lachte dabei selbstgefällig. Welch ein Glück dieser Sammler doch hatte!  Er fühlte tief. Wie ein Fachmann innerster Empfindungen. Jedoch das Frühstück erinnerte an einen Schlachthof. Was tut dieser Leib? Er stand seinen Augen Antwort und Rede. Mit ernsten Gegenständen befassten sie sich, mit Messern und Geräten. Diese zwei Augen gingen ihm entgegen. Wo bin ich? Ein Flattern ein Vorübergehen ergreift mich. In größerem Kreise berichtete er von diesem Schloss der Gedanken, welches er geschaut. Doch dieses Silberkorn erschien ihm nun als Schein und eigentlich erloschen. Er fand keinen Halt, keinen Griff. Zerfallen war der raue Morgen.  Mit dem Vertrauen war er in sein Zimmer zurückgekehrt. Drehte sich, tat ein paar Schritte, stand aufrecht. Vom Fenster beobachtete er die Schwestern, er roch, schloss die Augen, als prüfe er die Luft. Welch ein Geschöpf! Er schluchzte, striff mit dem kleinen Finger über ihren Leib auf der Scheibe. Da brach es wieder über ihn herein, das Unbegreifliche Mythische, das er bereits am Morgen erlebt hatte. Doch er tat im Grunde nichts. Allmählich brach die Nacht herein, und das Sanatorium glich einem Wald. Er sank nieder. Als dies bemerkt wurde, rief man die Schwester.  Es durchfuhr sie als er so lag. Für ihn war sie zu diesem Moment nicht mehr als ein Baum, umgeben von Tieren. Und der Schauer überkam ihn, doch er vergaß es bald. In seinen Ohren rauschte der Sommer. Ihm schaukelte es, er träumte vom Beischlaf. Er spürte diesen Drang der Erde. Im Taumel verschloss er sich dem Taumel der Gewalten, doch nicht so sein Blut. Roh floss es hinaus. Nicht so offenkundig, aber dennoch floss es. Warm so ein Leib voll, dachte er beim Dasein. Man trug ihn dann sogleich wieder an seinen Ort. Sein Ausbrechen verhindert, lag er alsbald. Und auch der Schweif der Wirklichkeit streifte vorbei, zugegeben wenig geachtet.

Weiterlesen & hören

Das Thema ist der erste Weltkrieg, oder sagen wir die Erfahrung eines Versehrten. Rund um das Thema drehen sich viele Bücher aus der Epoche, deshalb schadet es nicht sich mit dem gesamten Zeitgeist auseinander zu setzen. Ich empfehle hier den Podcast „Mein Freund der Baum„, wo es eine schöne Serie zum ersten Weltkrieg und Literatur gibt.