Nietzsche Rezeption in der Moderne

Nietzsche und die Moderne.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche erlangte zur Zeit der Jahrhundertwende eine Breite Aufmerksamkeit bei der Gesellschaft. Er war bekannt in den Bereichen Psychologie, Philosophie und Literatur. Um 1900 kann man geradezu von einer Pflichtlektüre Nietzsches sprechen. 
Thomas Mann, Bertolt Brecht, Robert Musil, Franz Kafka, Arthur Schnitzler, Gottfried Benn, alle kannten sie seine Werke. 
Nietzsche erreichte es, dass sich Themen aus Werken wie Also sprach Zarathustra zu regelrechten Kernmotiven der Literatur der Moderne entwickelten. Er predigt den Literaten die Unmoral, das Rauschhafte, den Vitalismus und den berühmten Übermenschen, der nach Macht strebt. Seine Werke haben nicht umsonst Hochkultur in der Moderne. Es sind Themen die den Nerv der Zeit treffen. Und das auch schon vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges. Ein großer Umbruch der gesellschaftlichen und persönlichen Werte hat während der Moderne durch den Pluralismus bedingt begonnen. 

Pluralismus.
Der Pluralismus ist die Erscheinung der Moderne, die ein Legitimationsproblem in der Gesellschaft entstehen ließ. Im Grunde ist der Pluralismus die Möglichkeit, sich gegenseitig teilweise ausschließende Ansichten nebeneinander existieren zu lassen. Es ist also möglich nicht nur eine Geisteshaltung einzunehmen. Man erkennt, dass die Welt eine Vielzahl von Perspektiven annehmen kann, je nachdem welche man wählt, sei es in Normen und Lebenseinstellungen, der Berufswahl, der Moral oder dem Verständnis der Welt an sich. Deshalb spricht man im Zusammenhang mit Nietzsche auch vom Tod Gottes. Sein Nihilismus propagiert eine Sinnlosigkeit des Lebens, das heißt die Frage nach dem eigentlichen Sinn des Lebens wird bereits als sinnlos in Frage gestellt. Vitalismus steht für das Lebensbejahende, das mag zunächst paradox erscheinen, es meint allerdings das Leben als Selbstzweck. Man lebt um zu leben eine Vorstellung wie Religion oder Gedanken über höhere Sinnzusammenhänge finden in dieser Ansicht keinen Platz.
Führt man eine solche weiter, ergibt sich, dass die endlose Zahl an verschiedenen Leben, die man führen könnte und Ansichten und Möglichkeiten wie auch scheinbare Zusammenhänge die sich ergeben, einfach nicht kontrollierbar sind. Es stellt sich die Frage, ob in einem Chaos, das aus willkürlichen Beeinflussungen besteht, überhaupt einen Zusammenhang aufweist. 


Identitätskrise.
Damit gerät die Persönlichkeit eines jeden einzelnen Menschen in die Kritik. Als Vergleich kann man hier erwähnen, dass man einem an Schizophrenie erkrankten Menschen unterstellt, nicht etwa eine Vielzahl neuer Persönlichkeiten herausgebildet zu haben, sondern dass die zahlreichen Persönlichkeitsfacetten, die jeder Mensch besitzt in ein Ungleichgewicht geraten sind, beziehungsweise in nicht mehr kontrollierbar sind. Der Mensch wird dadurch unfähig zu leben. 
In der Moderne gibt es Literaten, die im übertragenden Sinne in jedem Menschen der Moderne eine solche Form des Bewusstseins wiedererkennen. Exemplarisch sollte hier Gottfried Benn erwähnt werden, der mit seiner Arztfigur Rönne (Novellen: Gehirne) eine solche pathologische Lebenseinstellung nachzeichnet. 
Es gibt auch andere Wege diese Unbewusstsein des Sinns literarisch zu verarbeiten. Eine unnachahmliche Ausprägung dieser Darstellung der unbekannten Macht, die alles in der Hand hat, liefert Franz Kafka. In seiner Literatur scheinen die Geheimnisse des Lebens auf einer höheren Macht zu beruhen der wir unterliegen. Nicht im Sinne eines höheren Schöpfers, es ist eher eine Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber allen unbekannten Zusammenhängen, die ihn umgeben. Seine Figuren kämpfen dagegen an, verlieren oder resignieren. Einmal offenbart sich diese Machtlosigkeit gegenüber einer undurchschaubaren Bürokratie (Der Prozess), oder sie sitzt scheinbar in einem unerreichbaren Teil der Welt, der die Geheimnisse weder erkennen noch aufdecken lässt (Das Schloss). 

Der Chandos-Brief
Manche Schriftsteller gehen mit ihrer Skepsis so weit, dass sie an der Sprache an sich zweifeln. Kann die Sprache die Wirklichkeit überhaupt angemessen wiedergeben? Behindert möglicherweise die Erfassung der Welt durch die Sprache unsere Wahrnehmung? Man spricht hier auch von einer aufkommenden Sprachverzweiflung/Sprachskepsis. 
Der Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal gilt hier als literarisches Zeugnis des Gesamtproblems. Hier führt ein Brief von Francis Bacon an einen Lord Chandos zur Offenbarung der Krise. Ihm sei für sein literarisches Schaffen die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Ein klagt über ein geistlos und gedankenloses Dasein. 


Sinnkrise in den Strömungen der Literatur
Diese macht sich in zahlreichen Werken der Literatur bemerkbar und nimmt ganz eigene Formen, je nach Strömung an. Die Dadaisten beispielsweise verwenden eine eigentlich Sinnentleerte Sprache durch Form- und Lautgedichte. 
Der Surrealismus beispielsweise ist Einstellung, die sich völlig der Willkür und dem Unbewusstsein hinzugeben scheint. Der Sinn wird hier im Unbewussten des Menschen gesucht. Ein Werk was in diesem Bereich große Aufmerksamkeit erlangt hat, waren die Theorien vom Psychologen Freud zum Unbewussten des Menschen. 
Der Naturalismus sucht die Zusammenhänge in der Natur des Menschen, in der Biologie wie auch den allgemeinen Umständen, die ihn beeinflussen. 
Der Expressionismus setzt sich in einer Weise mit dieser Krise auseinander, die diese Krise immer wieder zum Kernthema macht. Die Sinnlosigkeit wird als Verlust empfunden, aber ebenso als für die Moderne charakteristisch und natürlich. Ein Ventil wie auch Ausdrucksmittel hierfür ist die Form. Vor allem die Lyrik feiert im Expressionismus einen großen Aufstieg. 
In allen entstehenden Strömungen der Literatur experimentiert man mit neuen Perspektiven zur Findung einer neuen, den Umständen adäquaten Ausdrucksform.

Gedicht 1886 – Gottfried Benn

Im folgenden soll das Gedicht „1886“ vom Expressionisten Gottfried Benn näher untersucht werden. Unter dem Aspekt auch allgemeingültige Aussagen über seine Lyrik und die der Moderne und dem Expressionismus zu treffen. [Leider kann ich das Gedicht selbst aus Urheberrechtsgründen nicht zur Verfügung stellen]
Das Gedicht von Benn entstand 1944. Zusammengefasst ist es eine Biographie. Die Formgestaltung bedient sich dabei der Collage, einer Form die bis dato in der Lyrik ungewöhnlich ist. Bevor ich auf den Text selbst eingehe, werde ich noch ein paar allgemeine Zusammenhänge und Rahmenbedingungen skizzieren.

Moderne sprengt lyrische Formen

Bis in die Moderne, die etwa um 1900 in Deutschland in der Literatur beginnt, überwiegen klassisches Pathos und strenge Formen die Literatur. Doch bereits der Naturalismus hat damit begonnen neue Formen in die strenge Lyrik vergangener Jahrhunderte einzuführen. Ein absoluter ist hier Arno Holz mit seiner „Revolution der Lyrik“. Er forderte eine Annäherung an einen natürlichen Rhythmus der Sprache. Diese Vorstellung liegt beispielsweise der strengen Form des Sonettes fern. Hier werden Metrum, Reim und Strophenzahl streng vorgeschrieben. Man versuchte in der Moderne sich von Formen wie dieser abzuwenden. Die Begründung dafür liegt ihm neuen Lebensgefühl der Moderne. Sie versteht sich als eine vorwärtsgewandte Lebenshaltung, die den absoluten Anspruch an das Leben in der Gegenwart stellt. Konzepte wie die Formsprache des Mittelalters oder der Antike ließen sich damit nicht vereinbaren. 

Neue Formen

So entdeckte die Moderne eine Menge neuer Formen für sich. Man experimentierte und es bildeten sich im Wesentlichen zwei Lager heraus. Die rückwärtsgewandten Renaissancen, die nicht so recht mit der Vergangenheit brechen wollten. Sie versuchten alte Formen in die Gegenwart zu übertragen. Ein Beispiel hierfür sind beispielsweise die Anhänger des Symbolismus. Bei diesem Lager der Autoren handelt es sich zwar dem Inhalt nach um moderne Literatur. Die Form nimmt aber Bezug auf vergangenes. Diese Haltung wurde von den konsequent modernen Autoren verächtlich als Epigonentum bezeichnet. Nach ihrer Ansicht lassen sich Geisteshaltungen der Klassik und Antike nicht mehr in der Moderne nachweisen. Die Folge sei eine Delegitimierung von Form und Inhalt. Eine Literatur, die dies nicht akzeptiere kann damit keine reale sein. Sie verliert sich im Nachhängen an der Vergangenheit. Dies wird unter anderem dem Symbolismus in gewisser Weise vorgeworfen.
Die Avantgarden versuchten stattdessen den absoluten Modernismus auszuleben und alles neue zu probieren. Auch die Form der Collage wie in diesem Gedicht Benns ist ein solcher Ausdruck dieses Modernismus. 

Form Gottfried Benns 1886

Es handelt sich beim Gedichts Benns um ein Montagegedicht. Es setzt sich aus Textteilen einer Zeitung zusammen. Doch die Textteile stehen in keinem willkürlichen Verhältnis zueinander. In ihrer Gesamtheit und Konstellation geben sie die Ereignisse des Geburtsjahres Gottfried Benns wieder. Dadurch, dass Benn diese Texte quasi aus zweiter Hand nimmt, entziehen sie sich der Subjektivität. Was nicht bedeutet, dass sie nicht expressiv sein können. Es handelt sich damit um eine erlebnishafte Schilderung der Umstände um Benns Geburt im Jahr 1886. Der Bruch mit der Vergangenheit ist überdeutlich. Was zuvor als durchkomponiertes Gesamtkunstwerk erstrahle, wird hier auf den Inhalt einer Zeitung reduziert. 
Auffallend ist jedoch der Eingang des Gedichtes. Er beginnt mit der Schilderung allgemeiner Sachverhalte wie dem Wetter. Denkt man hier an die Lyrik des Mittelalters mit ihren Natureingängen in der Minnelyrik so lassen sich möglicherweise Parallelen entdecken. 
Die Leistung ein Gesamtkunstwerk entstehen zu lassen wird in diesem Gedicht scheinbar nicht  mehr vom Autor selbst vollbracht, sondern vom Leser. Er stellt assoziativ und semantisch einen Zusammenhang zwischen den Textzeilen her. Damit steht sich in der Form der Gegensatz von Heterogenität und Homogenität gegenüber. Dabei werden auch Effekte der Ironie erzeugt, wenn bestimmte Zeilen des Gedichtes aufeinander treffen.


Weiteres über Benn

Benn gehört zu den interessantesten Expressionisten der Literatur. Er war einer der wenigen Autoren, die auch nach dem Jahrzehnt des Expressionismus etwa 1910 bis 1920 weiter experimentierten, als andere Autoren die Strömung bereits als ideologisch überholt aufgaben. Er gilt als der Entwickler der „absoluten Prosa“. Dabei handelt es sich um eine Verwendung der Sprache, die in der Lage ist sich eigene Konstrukte zu schaffen, eine eigene Welt wenn man so will, in der alles so logisch, geschlossen und widerspruchsfrei ist, wie das Individuum sich dies für den Aufbau einer konsistenten Identität erhofft. Damit ist er einer der Autoren, die sehr aktiv an der Gestaltung moderner Lyrik mitgewirkt haben. Auch im Bereich der Epik, die von Expressionisten relativ selten bearbeitet wurde, gilt er als ein Wegbereiter moderner Erzählkunst. Besonders hervorheben möchte ich die Novellensammlung „Gehirne“ auf die möglicherweise noch eingegangen wird.