Die Zeit nach Mitternacht (1985) – Martin Scorsese

„After Hours“ oder „Die Zeit nach Mitternacht“ (1985) lautet der Titel eines eher unbekannten Filmes von Scorsese, wenn man an Titel wie „Taxi Driver“ oder „Gangs of New York“ denkt. Nichtsdestotrotz bietet Scorsese hier kein minder aufregendes Feuerwerk seines Schaffens.
NBC titelt: „A terrific movie“ und es ist tatsächlich verwunderlich, weshalb dieser Film von ihm eher unbekannt blieb. Grob gesagt, geht es um den ambitionierten Programmierer Paul Hacket, engagiert im Job, ruhig. Mehr erfährt der Zuschauer noch nicht zu Beginn des Filmes.

Das Vexierspiel der Frauen

Und auch im Laufe des Hergangs bleibt seine Person im eigentlichen Sinne unbehelligt. Wichtig für die Handlung sind die Begegnungen, die er in dieser einen Nacht macht. Und diese sind nicht ohne. Auf der Suche nach ein wenig Abwechslung trifft er in einem Café eine ansprechende Frau, sie unterhalten sich über Literatur, kurz gesagt Smalltalk. Das Gespräch wird unterbrochen und sie hinterlässt ihm kurzerhand ihre Telefonnummer. Als er nach Hause geht, denkt der leichtfüßige Paul, warum sie nicht zurückrufen? Das Telefonat mit ihr wirkt gestelzt und es mutet an, als ob beide in ihrer Schüchternheit über ihr Unwissen übereinander, nicht so recht wissen, worüber sie sprechen sollen.

Paul: Programmierer, Pechvogel?

Dennoch lädt die unbekannte Marcy ihn zu sich ein. Soweit alles normal, doch mit der Begegnung der Frau ändert sich schlagartig die kleine Welt in der Paul der Programmierer und Bürohengst seine Tage verbracht hat. Sie wirkt überdreht, geheimnisvoll und eigenartig, schon bei ihrer ersten Begegnung. Schon das Ankommen an ihren Haus läuft anders als erwartet. Statt ihr, öffnet ihm seine Mitbewohnerin, eine Künstlerin, die Tür. Marcy sei kurz verschwunden und er müsse auf sie warten. Damit ist es eigentlich sie, die das abstruse Spiel aus kafkaesken Zusammenhängen eröffnet. Es ereignen sich ein paar erotische Momente, die aber eher verstörend als betörend auf Zuschauer und Paul wirken. Es scheint ein wenig, als sei Paul vom Pech verfolgt und als wolle man ihm, von einer höheren Macht bestimmt, diesen Abend nicht so richtig gelingen lassen. Es ereignet sich eine Panne nach der anderen und man beginnt etwas Mitleid für den Pechvogel zu empfinden. Das Ganze wird in einer komödienartigen Weise mit Elementen des Absurden bestückt, die die ganze Handlung zuweilen surreal erscheinen lassen.

New York als kafkaeskes Wunderland

Das Treffen mit Marcy läuft nicht besonders gut, deshalb merkt man Paul des Öfteren an, dass er versucht aus der Situation zu flüchten. Doch wie es der Zufall will hängt er fest in Soho, einem Viertel, das weit genug entfernt von seinem Heim ist, dass es ihm unmöglich wird einfach fortzulaufen. Als er vergeblich versucht ein U-Bahn-Ticket zu kaufen verschlägt es ihn in eine Bar und die zufälligen Zusammenhänge offenbaren sich ihm wie auch dem Zuschauer Stück für Stück. Es ist als ob Paul mit der Begegnung mit Marcy einen Vorhang langsam öffnet, der ihm Stück für Stück die wahre Wirklichkeit New Yorks offenbar, derer er sich bisweilen verschlossen hat. Ein Wechselspiel aus Absurdität, höherer Mächte und Pech. Dabei hilft Paul es auch nicht, immerwährend sein Gesicht mit Wasser zu kühlen, er wirkt sichtlich überfordert. Es treffen Personen aufeinander, die bei genauerem Hinsehen verrückter nicht sein können. Es zeigt sich hier, wie in zahlreichen Filmen der 80er Jahre, die Ent-deckung einer Oberflächlichkeit, durch deren flachen Anblick man genug zu wissen glaubt. Eine Welt, die nach außen hin schlüssig, geschlossen erscheint, schlichtweg Normalität vorgaukelt. Doch hinter den Kulissen zeigen sich nicht nur Charaktere und Schicksale. Man offenbart dem Zuschauer eine Welt hinter diesem Schein, die unnormaler nicht sein könnte. So wird Paul gewissermaßen, in dieser Nacht, zum Spielball einiger Verrückter, die ihn erst bei Tagesanbruch zurück lassen in seine Welt voll Normalität. Als Paul das Café betrat, glaubte er wohl nicht, dass es in Wirklichkeit ein Kaninchenbau war.

Paul im Kaninchenbau auf der Yellow-Brick-Street

Der Film ist durchzogen von Andeutungen und Motiven, die sich dem Zuschauer nicht immer gleich erschließen. Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte von Marcy, die erzählt sie sei mit einem Mann verheiratet, der beim Liebesspiel immerwährend die Geschichte des Zauberers von Oz zitiert. Versucht man hier eine Analogie zu ziehen, erscheint diese zwar als durchaus möglich, verkehrt sich hier aber in das Gegenteil. Denn Dorothy ist im Land von Oz gefangen, verspürt Angst bei der Begegnung mit den fremden Gestalten, die sich aber beim Blick hinter die Oberfläche als Freunde erweisen. Genau dies ist bei Paul nicht der Fall, sein genauerer Blick zeigt ihm ein Feindbild dessen, was ihm vorher bekannt und freundlich erschien. Höchstens das Ende, als eine Frau ihn zu seiner Rettung zu einer Statue stilisieren lässt, kann als freundliche Gebärde gedeutet werden. Sie ist ebenso die Erlösung von der Nacht, in der ganz New York verrückt zu spielen scheint. Ein großartiger Film, bei dem in Sachen Darstellung überhaupt keine Abstriche gemacht werden können. Hervorragende Kameraführung, die die Handlung sehr gut unterstreicht. Alles in allem unbedingt sehenswert!

Info
Originaltitel After Midnight
dt. Titel Die Zeit nach Mitternacht
Genre Drama
Comdey
Thriller
Jahr 1985
Regie Martin Scorsese
Stile Surrealismus
absurdes Theater
ähnliche Filme Der Mieter
Brazil

Kino/Film der 80er

Jedes Jahrzehnt bietet uns seinen eigenen Stil, seine eigene Sprache und Darstellung des Films. Auch die technischen Entwicklungen der jeweiligen Zeit machen sich in den Kinofilmen bemerkbar. Von diesen waren die 80er Jahre geradezu beflügelt. Während man im Kino der 70er noch erste Gehversuche feierte (wie Star Wars), so scheint es, als ob das folgende Jahrzehnt voll im Bann der Computertechnik steht. Sowohl in Bezug auf die neuen Möglichkeiten, wie auch die Themen und Motive, um die sich die Filme der 80er drehen. 

Es ist das Jahrzehnt vieler neuer Genres wie dem Cyberpunk. Nebenher erfreut sich die Generation auch an einem Unterhaltungskino, dessen Helden heute paradigmatisch für eine Generation stehen. Niemand hat die großen Streifen mit Größen wie Sylvester Stallone (Rocky, Over the top, Cliffhanger) und Al Pacino (Scarface) vergessen. Heute haben sie Trash- und Kultstatus erreicht. 

Die Themen des Kinos der 80er sind zu vielschichtig, als dass man sie hier im Detail vorstellen könnte. Respektiv erscheinen die Filme aber alle in einem Licht. Sie bieten uns atemberaubende Bilder, es gibt viel Action, die jede eitle Tiefsinnigkeit vergangener Filme vergisst. Doch so flach, wie das Kino der 80er zu sein scheint, ist es in keinem Fall. Hinter aufwendigen Produktionen, die vor allem durch Bildgewalt bestechen, stehen oftmals tiefgründige Geschichten, die aber durch ihren vordergründigen Unterhaltungswert in den Hintergrund gerückt sind. 

Das Thema technischer Fortschritt manifestiert sich aber nicht nur in den Special Effects. Auffallend viele Regisseure und Drehbuchautoren wollen sich tiefer mit diesem Thema auseinandersetzen. Dabei gehen sie visionär an ihre Stoffe und lassen in ihren Welten keine Grenzen zu. Es entstehen eine Reihe von Filmen, die das angehende Zeitalter der Computerisierung in sich aufsaugen und alle erdenklichen Szenarien konstruieren. Filme wie Terminator (1984) oder Robocop (1987) sind hier ein Paradebeispiel. Aber auch in vielen anderen Streifen versucht man sich eine Zukunft vorzustellen, die den Menschen zum Greifen nahe scheint. Fliegende Autos, Mensch-Maschinen und Cyberspace. 

Damit wächst in den 80ern immer mehr das Interesse an einem Kino der Illusionen, in denen alle Grenzen aufgelöst werden können. Denn erstmals erscheint es möglich alles darzustellen, alles auszuprobieren, auf der Leinwand wohlgemerkt. Dadurch feiert immer wieder vor allem die Science-Fiction eine gewaltige Blüte. In den 80ern entstanden heutige Klassiker wie:

Aliens (1986), Total Recall (1990), Dune (1984), Star Wars Episonde 4 (1983), E.T. der Außerirdische (1982) und Zurück in die Zukunft (1985). Diese Filme bieten mit ihrer Handlung erstmalig den Raum für gewaltige Bildfeuerwerke und ausgiebigen Experimenten mit Spezialeffekten. Auch im Genre der Actionfilme, die sich in der 80ern sehr großer Beliebtheit erfreuen, wird davon Gebrauch gemacht. 

Verantwortlich für diese Entwicklungen sind vor allem die Filme Hollywoods. Hier sind die Größen Spielberg und George Lucas zu nennen. Denn wie auch heute, sind für derartige Effekte unglaubliche Mengen Kapital erforderlich, weshalb es für kleine Studios kaum möglich war, in den 80ern mit den atemberaubenden Bildern Hollywoods mitzuhalten. Damit gewann der Film vor allem an ästhetischer Qualität und es lassen sich auch unzählige Beispiele finden, in denen nur auf diesen Aspekt das Augenmerk gelegt wurde. Man probierte sich aus und der Zuschauer wurde süchtig nach den sich immer wieder übertreffenden Effekten der großen Kinos. Heute hat sich an diesem Umstand meiner Meinung nach wenig geändert. Insgesamt finde ich das ein wenig Schade, denn Animationstechnik ist heute eine erschwingliche Sache geworden, sodass der Fokus ein wenig mehr auf die Qualität der Geschichten, die der Film erzählt gelenkt werden könnte. Das Kino der achtziger Jahre markiert für mich die Geburt eines reinen Unterhaltungskinos, das versucht, nur noch durch Bildkraft zu bestechen. 

Doch die Oberflächlichkeit des Filmes der achtziger Jahre kann auch zum Trugbild werden. David Lynch dreht seinen Blue Velvet (1985). Ein Film, der den Zuschauer bewusst durch die Bildkraft der Filme der 80er irre führt. Lynch zu seinem Film: „er führt unter die Oberfläche einer amerikanischen Kleinstadt, aber es ist auch eine Reise ins Unbewusstsein oder an einen Ort, wo man mit Dingen konfrontiert wird, denen man sich normalerweise nicht stellt.“

Damit obliegt die Entscheidung ganz allein beim Zuschauer, wie viel er aus dem Kino der 80er-Jahre herausliest. Denn Oberflächen zeigen zwar offensichtliches, verbergen aber auch Wesentliches. 

Kopulation I


Kopulation
 I


Seufzend beben, heischen Blicke |
Finger suchen Spitzen heiß |
Ballen rufen nach Erhöhung, zögernd |

Bisse führen Augen |
an den glutumworbnen Mund |
rauschende Begegnung |
Bewegung polternd |

stundenvollste Augenblicksgeschenke |
hasten |
streifend durch Gebällk |
in dem erwartend Säfte |
schmoren |
um im Dampf verlorn’ zu gehn |

reifend ruhen müde Hände |
nicht Blicke fordernd |
aber seichte Flucht |

und blitzend zucken schwere Tritte |
einig rinnend in die Bucht |