Die Stadt – Benjamin Damm

Die Morgenröte schien ihm in das Gesicht, als er sich auf den Weg machte. Auch die Gebäude der Stadt erstrahlten in diesem fahlen Rot. „Wie immer“, dachte er. Und er nahm die lange Brücke über den Fluss, die nahm er immer, dachte er. Ruhig lag sie, die Stadt, nur seine Schritte warfen ab und zu ein leises, manchmal auch lauteres Pochen von den Wänden zurück. Als würde dahinter ein Herz schlagen. An der Ecke traf er, wie immer, nicht den alten hageren Typen, der mit dem schwarzen Hut, den er manchmal zu erwarten vermochte, er traf stattdessen sich. Es gibt viel zu tun dachte er, wie immer eben, und er ging weiter, zielstrebig. Dabei wuchs der Weg vor seinen Füßen. Immer im Takt seiner Schritte. Die vor ihm aufgehende Sonne ließ ihn einen langen Schatten werfen. Er sah aber nicht hin. In Gedanken versunken, immer dem Takt folgend ging er voran. Am Horizont fuhren geschäftig die Züge. Die Schienen gingen von rechts nach links, sodass sie von einem Ende der Stadt an das andere kamen. Nie standen die Züge still, man konnte immer das Rattern der Räder auf den vor Glut blauenden Schienen hören. Er ist nie mit einem gefahren, dafür fehlte ihm Zeit, denn um voran zu kommen, konnte man nicht rückwärts fahren. Und er war immer unterwegs. Aber er sah gern zu wohin sie fuhren, mit solcher Hingabe, dass er nicht einmal einen Menschen bemerkt hätte, auch wenn er genau seinen Weg gekreuzt hätte. Es gab nicht viele die seinen Weg kreuzten, trotzdem schienen es mehr zu werden. An jedem Morgen. Sie wuchs, die Stadt und mit ihr sein Weg den er zurücklegen musste. 

Dark City (1998) – Alex Proyas

le film noir, expressiv

Ein Mann, John Murdoch (Rufus Sewell), der ohne Erinnerung in einem Badezimmer aufwacht, begibt sich auf die Suche nach seiner Identität. Schnell wird ihm klar, dass mit der Welt etwas nicht in Ordnung ist, denn während er sich auf ihr bewegen kann, scheinen die anderen Menschen einer Art Hypnose verfallen zu sein. Als er die Straßen der „Dark City“ betritt, bemerkt er, dass sich Häuser, Straßen und das gesamte Stadtbild verändern, während die Menschen im Zustand dieser „Hypnose“ verweilen. Er lebt gefährlich, denn er ist einer der wenigen, bei denen die Therapien der nicht irdischen Lebewesen nicht anschlagen. Auf der Suche nach einem neuen Planeten, kamen sie auf die Erde um dort die Kontrolle zu übernehmen.

Großstadtdarstellung, Stadtmotiv FilmDafür schufen sie eine riesige Stadt, die die Menschheit wie in einer Art Theaterstück agieren lässt. Während seiner Identitätssuche erfährt Murdoch, dass er ein gesuchter Serienkiller ist, doch diese Identität erscheint ihm unwirklich. Das Ziel, das die Fremden mit der Manipulation der Menschen und der Erschaffung verfolgen, ist herauszufinden wie sich die Identität des Menschen konstituiert.
Eine Handlung, die zunächst sehr nach schlechter Science-Fiction klingt, entpuppt sich aber als gelungene Darstellung der Lebensverhältnisse und Verhaltensweisen der Bewohner moderner Großstädte. Zugegebenermaßen hätte ein wenig mehr Realitätsverwurzelung dem Film eine bessere Richtung geben können, aber das Gesamtbild, das entsteht, kann im Wesentlichen als gelungen und unterhaltsam bezeichnet werden. In der Manier eines Science-Fiction á la Matrix wird hier eine Welt konstruiert, die außerhalb aller Vorstellungskräfte liegt. Eine Stadt, hinter der nichts mehr kommt. Die Menschen sind in ihr gefangen und unfähig das zu erkennen. Es wird zu einem Wettlauf für Murdoch, denn er wird gejagt als die Fremden bemerken, dass er in der Lage ist sich ihrem Einfluss zu entziehen. 
film noir, Expressionismus
Am Ende gelingt es Murdoch die Fremden, die ein wenig an die grauen Herrn aus Momo erinnern, in die Flucht zu schlagen. Doch die Zukunft der Menschheit wäre dazu verdammt in einer Welt zu leben, die eine Illusion ist. Der Film mag auf den ersten Blick abschreckend wirken, stellt sich aber als sehenswert heraus, auch für Zuschauer, die vielleicht nicht vom Genre Science-Fiction angetan sind und hierzu zähle ich mich selbst auch. Vom Stil ein moderner Science-Fiction angelehnt an den Surrealismus mit starkem Einflüssen aus dem Film Noir
Film Noir, the film noirDie erste Szene erinnert an den Film Metropolis der 1920er Jahre. Sehenswert, weil er eine wirklich gute Bildästhetik besitzt, die Handlung ist verbesserungswürdig. In der Kritik heißt es:
„Ein Fantasy-Mix aus Science-Fiction-, Horror- und Gangsterfilm mit starken Anklängen an den „film noir“. Zwar beeindruckt der Film durch die außergewöhnlichen Spezialeffekte sowie die sehr suggestive Musik, findet aber über die eklektizistischeZusammenstückelung von Gedanken und Versatzstücken hinaus zu keiner eigenständigen Aussage.“ 
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Explosion des Schweigens (1961) – Allan Baron

Film unter dem Einfluss des ExpressionismusExplosion des Schweigens (im Original: Blast of Silence) nach einer Erzählung von Waldo Salt. Im Mittelpunkt steht das Schicksal des Auftragsmörders Frank Bono (der auch von Allan Baron gespielt wird)Im Laufe der Handlung werden weitere Personen auftreten, wie der alte Freund Big Ralph, der als Waffenhändler tätig ist, die alte Freundin Lori und das Opfer seines nächsten Auftrages Troiano. Bono ist ein sehr eigenwilliger, verschlossener und wortkarger Charakter. Er stammt aus einem Waisenhaus, hat eine harte Kindheit verlebt, die ihn zu dem machte was er jetzt darstellt. Aufgewachsen im Moloch einer Großstadt, hat er seine Vergangenheit verdrängt und eine neue Laufbahn eingeschlagen, eine die ihn sehr verbittert werden ließ. Und weil er so wortkarg ist, wird die gesamte Handlung wird von einem Erzähler begleitet, der die Gedanken Bonos offenbart und seine Handlungen kritisch kommentiert. Der Film beginnt mit den Worten: „Aus dem Dunkel kamst du, aus dem Nichts. Mit Hass und Wut in dir wurdest du geboren“. 
Auffallend an ihm ist seine Unentschlossenheit was Entscheidungen betrifft. Er weiß nie wirklich was er will und handelt impulsiv und unüberlegt. Dennoch redet er sich ein wie schicksalhaft sein Leben verläuft und wie ausweglos seine Situation ist. So wird er nicht selten ein Spielball seiner Verhältnisse. Als wäre er von Anfang an dazu verdammt worden, seinen Unterhalt als Auftragskiller zu verdienen. Doch als er einen neuen Auftrag annimmt, lernt er alte Bekannte kennen und es wird ihm klar, dass es neben seiner Welt noch eine weitere gibt. 

Man kann nicht einmal behaupten, dass er ein Doppelleben führt, das ihn einerseits als skrupellosen Killer beherbergt und er oberflächlich ein „normales“ Leben führt. Denn Bono lebt ausschließlich für seinen Beruf. So absurd es klingen mag, aber man gewinnt den Eindruck, es sei seine Berufung, jedoch ohne dass ihm dadurch besonderes Lebensglück zuteil wird. Er lebt völlig zurückgezogen in der Unterwelt New Yorks. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt als er durch einen Zufall Lori wiedertrifft. Er wehrt sich gegen ihre Zuneigung merkt aber schnell, dass er ihr unterlegen ist, ohne dass sie dabei wie eine typische Femme Fatale des Film Noir auftritt.  Dennoch kann sie ihn zu einer Kehrtwende in seinem Leben anregen. Er beschließt nach dem Mord an einer Figur der Unterwelt namens Troiano ein anderes Leben zu beginnen. Doch so schicksalshaft alles begonnen hatte, wird auch alles enden. 
expressionistische Motive im Film Noir

Denn durch einen Zufall erfährt der alte Freund und Waffenverkäufer von dem neuen Auftrag Bonos und fordert eine Gewinnbeteiligung, was sie schließlich zu Feinden werden lässt. In einer dunklen Nacht, die Darstellung dieser Szene ist besonders noirtypisch, bringt er ihn um, eher eine Verzweiflungstat. Denn kurz vor seiner Entscheidung den Freund umzubringen, ruft er den Auftraggeber an, um den Job aufzugeben. Ein folgenschwerer Fehler, denn so arbeitet ein Profi in dieser Branche nicht. Als er versucht Lori seine Liebe zu gestehen weist diese ihn von sich und seine ganzen Illusionen, die er sich aufgebaut hatte, werden mit einem Mal zerstört. Die ganze Stadt ist ein Konstrukt aus Hoffnungen und Illusionen. In einer Szene fährt er mit einer Fähre aus der Stadt New York City, doch sie erscheint immer noch als dunkle Silhouette im Hintergrund. Sie ruft ihn zurück und treibt ihn weiter seinem Schicksal entgegen. 

Großstadtdarstellungen, Stadtmotiv im Film height=Es liegen Welten zwischen ihm und seinen ehemaligen Freunden, denn sein Lebenswandel hat ihn völlig unfähig gemacht mit anderen Menschen in Interaktion zu treten. Und so schreitet er nach seinem Mord an dem Waffenhändler wieder einsam durch die Schluchten der Großstadt, aller Illusionen beraubt und innerlich längst tot, obwohl er äußerlich noch am Leben ist. Er geht seinem Schicksal schließlich entgegen und wird selbst von seinen Auftraggebern „beseitigt“. Ein Noir den man sich „schwarzer“ nicht vorstellen kann. Er besteht aus sehr vielen dem Genre typischen Szenen, beispielsweise agieren die Figuren fast nur nachts in düsteren Gegenden, Bars und Straßen. Ihr Milieu ist die unüberschaubar riesige Großstadt, aus der man nicht entrinnen kann. Der Film kann durch seine Ästhetik als einer der klassischsten des Film Noirs gesehen werden. Besonders gelungen ist der Film dadurch, dass an keinem Set gedreht wurde, sondern dass die Szenen ohne Drehgenehmigung direkt auf den Straßen New Yorks entstanden sind. Das haucht dem Film viel Authentizität und Wahrheit ein.
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