Manhattan oder: Schlechter Kaffee

Manhattan oder: Schlechter Kaffee

„Bitte töte mich nicht, halte mich nur in deinem Arm!“

Manchmal erregte sie auf diese Weise noch sein Gemüt. Er vergaß darüber die Wut und es wurde Nacht. Seine Hand langte nach dem Griff, einem unschuldigen Opfer. In einer Gasse, eine Treppe hinab. Für ihn waren Menschen Mordwaffen. Die Menschheit ein Heer. Halb Bajonett, halb kümmerlicher Haufen. Diesen hier, hatte er im Griff. Er betrachtete das Kellergewölbe, glitt mit seinem Blick über den Boden. Einer der anderen kauerte in einer Ecke und schrieb. Er schrieb, dass es Funken sprühte. „Kohlenhändler!“, rief er ihm zu. „Warum wachen wir hier?“ Sein violettfarbener Atem stieg dabei in Wolken über die alten Bücher hinweg. Auf einem Bein wankte der Schreiberling in Stiefeln umher. Schließlich brachte er hervor: „In Ordnung, ich bezahle!“
Die negativen Schwingungen duldete er, doch ihm über die Schulter zu schauen nicht. „Hab ich nicht Recht, mit dem zweiten Stockwerk? Die Kundschaft will eine, die sich die Taille wegschnürt. Mit hochgeschlagenen Hosen, dass der Wind ihnen um die Beine schießt.“ Mit schüttelndem Kopf erwiderte er: „Ich bin jemand der wenigen, der sich öffnet, gegenüber diesem Grau.“
Schräg gegenüber blickte ihn seine mittellose Frau an. Im nächsten Moment läutete die Glocke und alle begannen die Treppe hinauf zu rennen. Man stieg in einen Wagen. Sie wurden in eine Gasse getrieben bis zu einem schönen Haus unter dem ein Geschäft lag, das seit längerer Zeit geschlossen schien. Ihre Augen schauten klirrend in die Fenster. Der Geruch von verfaulten Äpfeln erfüllte die Luft. Er merkte wie gefährlich diese ganze Fahrt ist und wie kalt ihm beim Gedanken an die Kundschaft wurde. Dass er heut mit dem Wagen unterwegs war, war nur eine Laune. Ihr Blick durchschweifte den Nachthimmel und blieb hängen an den goldenen Sternen. Unwissend blickte sie ihn an. Fast unschuldig. Sie stieß heraus: „Du bleibst!“
Er lüftete still seinen Hut, ohne etwas zu antworten. Eine unangenehme Zukunft stand ihm bevor. Aber er dachte an das wirklich gelungene Orchester am Platz.
„Ich gehe“, sagte er. Dann stieß er ihr das Messer in die Brust, dass sie ächtzte. Sie griff nach seinem Arm und flüsterte: „Wohl wahr, ich rede
von Träumen, von den Kindern eines müßigen Hirns, von nichts als eitler Phantasie erzeugt.“ Er nahm von rechts die Schaufel, stieß, bis sie verstummte. Er lud sie in den Kofferraum, fuhr ein Stück und warf den Balast in einen Graben. Eine Erleichterung, ja eine Beflügelung überkam ihn. Die Nachtschatten wurden ihm zum Freund.
Es umgriff ihn, er konnte es hören. Die Kälte wich, ein Sonnenstrahl, der Morgen. Blütenträume durchschweiften seine Gedanken. Er verfiel einer Sommerblumenwiese. Ja, er besaß eine blühende Fantasie, sie trieb ihn durch die entlegensten Orte der Welt. Konstrukte, die schöner nicht sein konnten.
Bis ein stärkerer Gedanke dazwischen trat. „Was soll dieser stumme Gedanke, der meine Träume mit Füßen tritt?“ Das Gift durchströmte ihn.
„Dass ich niemanden mehr habe, habe ich übersehen. Wie soll ich zu einem Ende kommen?“
Er mochte an ihrer Seite verenden wollen, doch er war zu eilig. Der Schrecken der Erkenntnis erinnerte ihn an den schlechtesten Kaffee den er je getrunken hatte. Damit stieg er hinab und auch die Wut wich wieder von ihm. 

Die 12 Geschworenen (1957) – Sidney Lumet

Stadtmotiv Film NoirEin Film aus dem Jahr 1957. Er beginnt mit dem Ende einer Gerichtsverhandlung. Was zunächst ungewöhnlich ist, denn der Zuschauer wird im Unklaren darüber gelassen, welchen genauen Verlauf die Verhandlung nahm. Bekannt wird lediglich ihr Ausgang. Ein Jugendlicher, gerade 18 Jahre, soll zum Tode verurteilt werden, weil er einen Mord begangen haben soll. Die Beweise sind ziemlich eindeutig, jedenfalls scheint es so. Es findet sich eine Jury zusammen, die darüber entscheiden soll, ob das Urteil vollstreckt werden soll, oder nicht. Dabei gilt die Prämisse, dass eindeutige Einigkeit innerhalb der Gruppe herrscht. 
Film Noir, GrossstadtmotivElf dieser zwölf Personen stimmen ohne langen Umschweif für schuldig. Nur ein Mann bleibt hartnäckig. Dabei zweifelt er nie die Schuld des Angeklagten an, er bedauert vielmehr den Umstand, sich nicht vollständig sicher zu sein, ob er wirklich schuldig ist. Dies wird zur zentralen Frage des Filmes. Nach und nach gelingt es ihm, die anderen ins Schwanken zu bringen. Dabei spielen nicht selten die persönlichen Schicksale der Geschworenen eine Rolle. Ein Film, dessen Handlung sich ausschließlich in einem Raum vollzieht. Die gesamte Handlung des Filmes findet in der Diskussion über die Fragen nach der Schuld des Angeklagten statt. Dabei werden verschiedene Darstellungsmittel eingebaut. 
Expressionismus, GroßstadtIndem sich die Diskussion immer weiter erhitzt, beginnen auch die Geschworenen geradezu auf absurde Art und Weise zu schwitzen. Schließlich zieht ein reinigendes Gewitter auf, dass zumindest den meisten eine Läuterung verspricht. Tief im Hintergrund des Beratungszimmers leuchtet die unüberschaubare Silhouette der Großstadt auf. Ihr Akteure in diesem Raum, erzählen die Geschichte dieser Stadt, ohne  direkt in ihr zu agieren. Die Diskussion gleicht einem psychologischen Diskurs über verschiedenste Schicksale, Freuden und Leiden eines Menschen, der in einer Welt lebt, die nicht mehr so überschaubar ist, wie er sich erhofft.
[YOUTUBE]   [IMDB]

Metropolis (1925) – Fritz Lang

Film Weimarer Republik, ExpressionismusMetropolis ist einer der Klassiker des Stummfilms des Kinos der Weimarer Republik. Er war einer der teuersten Filme, die je produziert wurden. Die Filmrollen sollen ca. 4km lang gewesen sein um wurden auf LKW verladen. Leider war der Film bei weitem nicht so erfolgreich wie erhofft. Damals ein Flop, heute Kult. Seine Geschichte steckt hinter der Ästhetik zurück. Kein Film repräsentiert besser die Vorstellungen damaliger Kunst. Er steht für eine ganze Epoche, denn der Stummfilm der Weimarer Republik erlebt hier seinen Höhepunkt. Die Handlungs ist nicht untypisch oder besonderes für die Filme dieser Zeit. Bildgewaltig. Ein Epos, in Bildern.
expressionistischer FilmDer Macher Fritz Lang entschied sich mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten für das amerikanische Exil. Leider ging durch die Wirren der ersten beiden Weltkriege viel vom Expressionismus verloren, vor allem der Nationalsozialismus schränkte das Schaffen expressionistischer Künstler massiv ein. Wobei festzuhalten sei, dass die Erfahrungen des ersten Weltkrieges eine der entscheidensten Triebfedern des Expressionismus waren. Denn wo ist der Mensch einer größeren Mechanisierung und Entgrenzung ausgesetzt als mitten an der Front in einem Krieg? 

Expressionismus Film, metropolisDie Geschichte des Filmes dreht sich um eine Zweiklassengesellschaft. Während die einen an der Oberfläche der mächtigen Großstadt leben, sind die anderen gezwungen unter der Oberfläche im Untergrund schwerste Arbeit zu leisten um die Großstadt oben am Laufen zu halten. Die Gesellschaft an der Oberfläche ist eine elitäre, die ihr Leben darauf beschränkt es sich gut gehen zu lassen. Ein Bewohner der Oberwelt entdeckt aber durch einen Zufall die Machenschaften der Visionäre der Stadt, denn die Ausbeutung der Arbeiter wird weitestgehend geheim gehalten. Schließlich entwickelt sich zwischen Freder und Maria eine Liebe. Beiden stammen jedoch aus unterschiedlichen Welten. Auf einer Blogseite gibt es eine interessante Gegenüberstellung neuerer Filme, die Anleihen bei Metropolis machen. Link

Dr. Caligari (1920) – Robert Wiene

Ein Stummfilm aus dem Kino der Weimarer Republik. Ein Regisseur, der selbst kaum bekannt wurde. Sein Film hat jedoch eine Ästhetik geschaffen, die stilprägend für eine ganze Generation von Künstlern wurde. Bekannt wurde der Film vor allem durch seine sehr expressiven Bühnenbilder. Es ist ein Spiel mit Licht und Schatten. Die Handlung ist die düstere Geschichte eines Doktors, der in der Lage ist Puppen zum Leben zu erwecken und sie zu mördern werden zu lassen. Der Film wird zum Vorreiter des expressionistischen Filmes und ein Vorbild für die spätere Noir-Ästhetik
Die Bühnenbilder sind bis ins Groteske verzerrt und zeigen sich in ungewöhnlichen Perspektiven. Anders als im Tonfilm lässt man hier vor allem Bilder sprechen. Später haben die Expressionisten behauptet, die Ära des expressionistischen Filmes wäre durch das Aufkommen des Tonfilms beendet worden. 
Denn die Macht der reinen Bilder wurde damit gebrochen. Doch der Stil lebte im amerikanischen Exil weiter und entwickelte sich zum Film Noir weiter, ein Stil der bis heute Einzug findet. 
Auf dem Youtube-Link kann man sich das ganze Kunstwerk anschauen. Allerdings ist es wirklich anstrengend einem Film zu folgen in dem niemand spricht. Dafür wird die Handlung von den Schauspielern vor allem pantomimisch und viel über Gestik und Mimik inszeniert. Es handelt sich also in der Regel um „sprechende“ Bilder. Und wenn es nötig ist dem Zuschauer wichtige Informationen mitzuteilen, dann werde das über kurze Texteinblendungen realisiert. 
Und wahrscheinlich wurde auch der Film: „Das Kabinett des Dr. Parnassus“  von Terry Giliam, der unter anderem Brazil hervorbrachte, von diesem Film inspiriert. Immerhin weist er viele Parallelen auf, wie den verrückten Schausteller, der auf Jahrmärkten seine Fähigkeiten zur Schau stellt. Das Kabinett findet aber hier viel mehr in den Köpfen seiner Opfer statt. Dadurch trennt der Film klar die Realität von der Welt seines Kabinetts ab. Die verworrene Welt wird hier durch einen Spiegel betreten, auch hier kommt es zu einem Spiel aus Angst und Verfolgung, aus der Wirkung fremder Kräfte.

Choral vom Baal – Bertolt Brecht

Choral vom Manne Baal

1
Als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal,
War der Himmel schon so groß und still und fahl
Jung und nackt und ungeheuer wundersam,
Wie ihn Baal dann liebte, als Baal kam.
2
Und der Himmel blieb in Lust und Kummer da,
Auch wenn Baal schlief, selig war und ihn nicht sah:
Nachts er violett und trunken Baal,
Baal früh fromm, er aprikosenfahl.
3
In der Sünder schamvollem Gewimmel
Lag Baal nackt und wälzte sich voll Ruh:
Nur der Himmel, aber immer Himmel,
Deckte mächtig seine Blöße zu.
4
Alle Laster sind zu etwas gut
Und der Mann auch, sagt Baal, der sie tut.
Laster sind was, weiß man, was man will.
Sucht euch zwei aus: eines ist zuviel!
5
Seid nur nicht faul und so verweicht,
Denn Genießen ist bei Gott nicht leicht!
Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch:
Und mitunter stört ein dicker Bauch.
6
Zu den feisten Geiern blinzelt Baal hinauf,
Die im Sternenhimmel warten auf den Leichnam Baal.
Manchmal stellt sich Baal tot. Stürzt ein Geier drauf,
Speist Baal einen Geier, stumm, zum Abendmahl.
7
Unter düstern Sternen in dem Jammertal
Grast Baal weite Felder schmatzend ab.
Sind sie leer, dann trottet singend Baal
In den ewigen Wald zum Schlaf hinab.
8
Und wenn Baal der dunkle Schoß hinunterzieht:
Was ist Welt für Baal noch? Baal ist satt.
So viel Himmel hat Baal unterm Lid,
Dass er tot noch grad gnug Himmel hat.
9
Als im dunklen Erdenschoße faulte Baal,
War der Himmel noch so groß und still und fahl,
Jung und nackt und ungeheuer wunderbar,
Wie ihn Baal einst liebte, als Baal war.
(aus dem gleichnamigen Drama: Baal, des jungen Brechts.)

Rausch und Vitalismus!
Das vorliegende Gedicht stellt eine Art Zusammenfassung der Handlung in Bezug auf das Drama Baal dar. In der zweiten Fassung des Dramas ist es dem eigentlichen Stück vorangestellt um als Verfremdungsmittel den Zuschauer zu irritieren. Denn es nimmt die Handlung des folgenden Dramas vorweg. Es wird daher hier auch ein wenig auf das Drama einzugehen sein, obwohl man es als eigenständiges Gedicht betrachten kann.
Der Verfremdungseffekt im Baal ist Teil der späten Theorie vom epischen Theater. Das Gedicht verkörpert eine Lebenseinstellung, die vor allem dem Autor Brecht selbst sehr nahe kommt. Das gefiel mir. Es handelt sich also um ein sehr persönliches Gedicht. Überhaupt ist Brecht in seinen ersten Werken noch sehr selbstbezogen, man möchte fast sagen ein egomaner Egoist. Aber, diese Tendenz kann man bei sehr vielen jungen Autoren beobachten. Sein Schreibstil kennt keine Tabus (man denke hier an das Gedicht vom Abort; auch im Baal zu finden) und doch schwebt er in Sphären, die so weit weg liegen, von bloßer Schwärmerei und Trivialität. 
Das Gedicht vermittelt ein lebensbejahendes Gefühl, ein Alles-auskosten-müssen. Und trotz des hier anklingenden Vitalismus, wird auch das Nichts der Existenz spürbar. Ein Anklang an den Nihilismus, als dessen Vater der Philosoph Friedrich Nietzsche angesehen wird. Das äußert sich beispielsweise in der zweiten Verszeile. Auch als Baal aufwuchs existierte der Himmel schon. Es war alles schon da. Er wird dazu weder etwas beitragen, noch wird er die Welt wie sie ist, beeinflussen können. 
Weiterhin klingt eine besondere Innigkeit zur Natur an, die im Drama selbst noch oft auftaucht. Wie beispielsweise der unerklärliche Kult, den Baal um den Wald macht. Es ist eben das Tier und die Natürlichkeit, der Trieb, den Baal verkörpert. Etwas menschliches, das doch jeder in sich trägt. Das ist, was Brecht hier zum audruck bringen will. Indem er dem Drama Baal den Untertitel: „Baal frisst! Baal tanzt!! Baal verklärt sich!!!“ anhängt. Und obwohl es eine Magie der Natur gibt, von der Baal sich angezogen fühlt, bleibt er ihr gegenüber eher distanziert. 
Überhaupt tut Baal wonach ihm der Sinn steht. Er lebt den konsequenten Vitalismus, der sich hier vor allem in einer Art Gleichgültigkeit gegenüber allem fremden manifestiert. Das was anderen Menschen hier als Sünde zugesprochen wird und kein Teil von gesellschaftlicher Sitte ist, ist für Baal Normalität. Konventionen und Normen interessieren ihn nicht. Das was die Allgemeinheit als Laster betrachtet, ist für ihn nur eine Form zu leben. Denn Leben gestaltet sich nach seinen Vorstellungen nur durch das Streben nach Befriedigungen, ganz egal welche moralischen Vorstellungen der Gesellschaft versuchen dies zu reglementierten. 
Trotzdessen, dass hier schon auf eine gewisse nihilistische Lebenseinstellung vertreten wird, leugnet Baal nicht die Anwesenheit Gottes. Aber genau genommen ist er es selbst, den er für Gott hält. (Baal bedeutet in der Übersetzung Gott oder Herrscher). Er verhöhnt Gott und die, die sich was aus Glauben machen. Selbst der Tod kann ihn nicht beeindrucken, er wird hier im Gedicht durch die Geier symbolisiert.  Auch nachdem Baal tot ist, wird wieder ein Hinweis auf das Nichts von dem die Welt durchdrungen ist, gegeben. Denn Baal war einst, er liebte, er war nackt, doch nun fault er ebenso. Und der Himmel existiert noch immer. Auch ohne Baal. Vom Stil her ist es schwierig zuzuordnen. Der frühe Brecht bewegt sich noch im vom Expressionismus beeinflussten Metier. Kann aber mit der Weltanschauung der Expressionisten, die dem Verlust der Identität und des Sinns nachtrauern nichts anfangen. Das Leben ist selbstzweck. So könnte man die hier vertretene Einstellung zusammenfassen. Später nähert sich Brecht dem Stil der Neuen Sachlichkeit. Er bewahrt sich aber immer seinen Brechtschen Stil, der immer wieder für Überraschungen bekannt ist, und weder Hohn noch Kritik scheut.[1][2]
Der späte Brecht entfernt sich also immer mehr vom Pathos der Expressionisten. Auch das Drama Baal sollte bereits ein Gegenentwurf zum Pathos des Expressionismus werden. Jedoch finden sich viele Stilmittel des Expressionismus in diesem Drama. 

Mittlerweile existiert auch eine Hörfassung sowie ein Film jeweils von Mathias Schweighöfer. In jedem Fall hörens- wie sehenswert.


[1] Damm, Benjamin: Baal und das Epische Theater. Grin 2011.
[2] Müller, Klaus-Detlef: Bertolt Brecht. Epoche – Werk – Wirkung. München: Beck 1985. S.90-99.

Gott der Stadt – Georg Heym

Der Gott der Stadt

1. Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.2. Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.3. Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit4. Die letzten Häuser in das Land verirrn.5. Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,6. Die großen Städte knien um ihn her.7. Der Kirchenglocken ungeheure Zahl8. Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.9. Wie Korybanten – Tanz dröhnt die Musik10. Der Millionen durch die Straßen laut.11. Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik12. Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.13. Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.14. Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.15. Die Stürme flattern, die wie Geier schauen16. Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.17. Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.18. Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt19. Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust20. Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.


Die personifizierte Großstadt

Dieses Gedicht ist glaube ich das bekannteste von Georg Heym und gehört zu den Vorzeigegedichten der Großstadtlyrik des Expressionismus. Das Motiv der Großstadt wächst zur Personifikation in Form einer gottesgleichen Figur an. Die Umstände unter denen dieses Gedicht entstand, sind dieselben wie bei allen Expressionisten, die das Großstadtmotiv verwenden. Die Technisierung der Gesellschaft, die bahnbrechenden Entdeckungen in der Wissenschaft, besonders in der Medizin, beispielsweise die Psychoanalyse Freuds, haben die Menschen verunsichert. Eine Entwicklung die in der Vergangenheit locker Jahrhunderte brauchte, vollzog sich zur Zeit der Jahrhundertwende binnen weniger Jahre. Für die Menschen war das ein gewaltiger Fortschritt, doch gleichzeitig wurde dieser Fortschritt von Gefühlen der Angst und des Kontrollverlustes begleitet. Ebenso wie es heute Science-Fiction-Filme gibt in denen Roboter das Denken der Menschen übernehmen. Die Tendenz in Richtung solcher Weltuntergangsszenarien ist steigend. Denn Themen wie der schnelle Fortschritt und das Übersteigen der bisherigen Möglichkeiten ist ein Thema, das bis heute hochaktuell geblieben ist. In diesem Kontext entstand dieses Gedicht, das geradezu programmatisch wirkt. Dem Menschen ist die Welt außer Kontrolle geraten, sie entzieht sich seiner Vorstellungskräfte. Diese Übermacht manifestiert sich hier in Form eines Gottes. Denn das Wort Baal ist ein hebräisches Wort für Gottheit. Ebenso wie Gott in der Religion, lenkt dieser Gott den Menschen der Großstadt. 



Mit Worten Bilder malen

Was am Expressionismus besonders eindrucksvoll wirkt, sind seine Bilder. Die Thematik dreht sich oft um Untergang und Apokalypse. Das kann auch zur Nebensache werden. Viel stärker ist die Bildhaftigkeit. Diese resultiert aus der Magie der Worte, einer eigenen Poesie, die nicht unbedingt verstanden werden will. Es genügt, das Bild was sich im Moment des Lesens formt, in sich aufzunehmen. Das Erleben steht hier im Vordergrund. Ein Gedicht wie dieses ist dafür ein großartiges Beispiel. Aber das gilt für den Großteil der expressionistischen Lyrik. Die Poesie geht teilweise so weit, dass die verwendeten Worte so fremd sind, dass man sie tatsächlich nicht mehr versteht, dies gilt vor allem für Gottfried Benn. Das heißt die Bedeutungszuschreibung geht so weit ins Abstrakte, dass sie schlichtweg nicht mehr fassbar ist.

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Schrei der Großstadt (1948) – Robert Siodmak

Der Schrei der Großstadt (1948), im Origininal: The Cry of the City, ist ein schwarz-weiß Noir, der im klassischen Jahrzehnt des Noir entstand. Der Film basiert auf dem Roman The Chair for Martin Rome von Henry Edward Helseth. Das Subgenre des Filmes wird als semidokumentarisch beschrieben. Das heißt, statt mit Bühnenbildern beim Dreh zu arbeiten, setzt man auf Originalschauplätze. Dadurch ensteht ein mehr oder weniger dokumentarischer Polizeifilm. Ein weiteres Beispiel für diese Machart von Filmen ist der Kriminalfilm Der Todeskuss (1950) von Henry Harthaway. Zu diesem Film existiert nebenbei eine Neuverfilmung aus dem Jahr 1995 mit Samuel L. Jackson und Nicolas Cage in den Hauptrollen.

In der Handlung des Filmes geht es um den Gangster Martin Rome und Lieutenant Candella. Sie wuchsen beide im Viertel Litte Italy in New York auf. Dieses Viertel bekam vor allem zu im 19.Jahrhundert eine Menge Zulauf an italienischen Einwanderern. Es gilt als die Wiege der amerikanischen Mafia und der Cosa Nostra.  Nach und nach haben sich Viertel wie Little Italy und Little Germany im 20.Jahrhundert durch steigenden Wohlstand auf. Heute beträgt der Anteil italienischstämmiger Bewohner auf etwa 5 Prozent. Die letzten Überreste von Little Italy findet man heute hauptsächlich auf der Mulberry Street. 
Die beiden Helden waren zu ihrer Kindheit enge Freunde. Candella begann seine Karriere als Polizist, während Rome sich vom Kleinkriminellen allmählich zum Gangster und Mörder entwickelte. Als Rome wegen eines Juwelenraubes inhaftiert wird, tritt er seinem ehemaligen Jugendfreund in beruflicher Mission gegenüber. Es steht ihm der Prozess bevor, doch er hat längst andere Pläne gemacht. Er und seine geliebte Teena wollen ein neues Leben beginnen. In einem unachtsamen Moment kann er aus dem Gefängniskrankenhaus flüchten. Doch sein ehemaliger Freund wird ihm bei seiner Flucht zum Rivalen. Es kommt zu einem erbitterten Duell zwischen den ehemaligen Freunden auf den nächtlichen Straßen New York. Noir-typisch wird der Antiheld seinem Schicksal ausgeliefert. Der Traum von einem neuen Traum zerplatzt und die Überreste fließen in den Rinnstein. Wie für italienische Gangster üblich entwickelt sich die Geschichte zu einem Drama rund um Freundschaft, Vertrauen und Familie. 
Robert Siodmak gehört zum klassischen Repertoire des Film Noirs der 40er und 50er. Doch dieser Film kann nicht so überzeugen, weder die Kritiker noch den Rest der Zuschauer. Das mag vor allem an den schwachen Rollen der Darsteller liegen. Da können Filme wie Gewagtes Alibi (1948) oder Rächer der Unterwelt/ Die Killer (1946) wesentlich mehr punkten. 
Ein Film von vielen, wenn man ihn im Kontext anderer Noirs betrachtet. Denn gegen Werke wie Frau ohne Gewissen (1944) oder dem späten Noir Im Zeichen des Bösen (1958) sieht er leider alt aus. Nur die gewohnte Bildästhetik weiß der Film zu bedienen. 
Es bleibt jedoch zu bewundern wie realistisch der Film durch seine realen Drehorte wirkt, auch wenn die Rollen nicht überzeugend wirken, so bleibt er doch stilbildend für ein Jahrzehnt des Film Noirs.

Einführung oder: Was ist Expressionismus?

Was ist der Expressionismus?

Der Expressionismus ist eine eigenständige Stilrichtung in Malerei, Literatur und später im Film, die sich etwa zur Zeit der Jahrhundertwende, man geht von ca. 1910 aus, herausbildete. Im Folgenden soll erläutert werden, inwieweit sich der Expressionismus von anderen Stilrichtungen, die neben ihm existierten, abgrenzt. Denn anders als in Epochen davor, existierten in der Zeit der Jahrhundertwende – wie heute übrigens auch noch – eine Vielzahl von Stilrichtungen gleichzeitig, sodass man nicht mehr von einer Vorstellung einer Epoche als solche ausgehen kann. Denn ein Stil ist zeitlich nicht vom anderen abgrenzbar. Auch steht nicht jeder Stil zum anderen in einer Art Konkurrenzverhältnis oder dergleichen. Es sei denn es handelt sich bewusst um eine Gegenströmung. In der Regel sind aber Berührungspunkte vorhanden.

Was unterscheidet den Expressionismus von anderen Strömungen?
Realismus
Vor dem Aufkommen des Expressionismus war in Deutschland in der Literatur und auch in der sonstigen Kunst noch der Realismus vorherrschend. Dieser war etwa von 1830 bis 1890 aktuell. Der Realismus versuchte stets die Vorstellung von der Realität mit etwas schönem und harmonischem in Verbindung zu bringen. Doch angesichts der Entwicklungen zur Zeit der Jahrhundertwende, geriet diese Strömung in Legitimationsschwierigkeiten. Aufgrund von Veränderungen in der Erfahrungswelt der modernen Industriegesellschaften, war es schwierig eine solche Vorstellung aufrecht zu erhalten.

Naturalismus
Mit diesem Problem rechnete der Naturalismus ab, er forderte die Anerkennung objektiver Verhältnisse auf Kosten des Schönen. Damit einher ging die Vorstellung des Determinismus, d.h. der Mensch wird zum Spielball seiner sozialen Verhältnisse. Er ist das Objekt seines Umfeldes. Dabei geht dieser Weg jedoch nicht in Fatalismus und Schicksalsgläubigkeit über. Es wird jedem Menschen die Möglichkeit eingeräumt, Missverhältnisse und ihn beeinflussende Faktoren zu erkennen und zu verändern, wenn auch nicht in hohem Maße. Die Aufmerksamkeit soll dabei vor allem auf das Unbeachtete gelenkt werden. Der Expressionismus will sich vom Naturalismus abheben, indem er von der absoluten Selbstbestimmtheit des Menschen ausgeht. Er unterstellt dem Naturalismus eine fatalistische Haltung, indem dieser davon ausgeht, der Mensch sei Objekt seines Umfeldes. Der Expressionismus geht vielmehr davon aus, dass der Mensch in der Lage ist – in jedem Fall – sein Leben selbst zu gestalten.

Symbolismus
Der Symbolismus ist eine Gegenströmung zum Naturalismus, die im 19. Jahrhundert in Frankreich entstand. Sie steht nicht in einem direkten Gegensatz zum Expressionismus, aber der Expressionismus hebt sich dennoch von ihr ab. Der Symbolismus strebt eine Herstellung der Einheit Mensch und Natur an. Diese Einheit vollzieht sich im Imaginären. Indem ein „schöner Schein“ der Welt konstruiert wird. Defizite und Fehler der realen Welt werden dabei bewusst beschönigt und damit ausgeblendet. Das geht so weit, dass sich die äußerlich wahrgenommene Welt mit dem Schönen und Idealisierten zu einer Einheit verschmilzt. Damit wird dieses Bestreben zum ästhetischen Selbstzweck. Weshalb man beim Symbolismus oft von Ästhetizismus spricht. Das spiegelt sich auch in der Wahl der Formen und Stilmittel wieder. Zum Symbolismus gehört auch die Strömung des Jugendstils in Malerei und Literatur. Der Expressionismus verhält sich in sofern zum Symbolismus konträr, indem er das für ihn Sinnhafte, nicht in der objektiven Welt und damit der Realität sucht. Er arbeitet mit anti-realistischen Formen, der Ästhetizismus hingegen orientiert sich an der Realität und baut auf Basis dieser seine Vorstellung vom Schönen auf. Als weiterer Begriff in diesem Zusammenhang wäre der Neoklassizismus zu nennen. Denn schon die Klassik geht vom ewig Guten und Schönen in der Welt aus.

Damit kann hier durch die Abgrenzung zu anderen Bewegungen dargestellt werden, dass es sich beim Expressionismus um eine eigenständige Strömung handelt. Denn ohne Abgrenzung zum Bisherigen, kann man nicht behaupten es gäbe den Expressionismus als eine eigene Bewegung. 
Der expressionistische Stil ist wiederum eine Erscheinung, die aus den spezifischen Geisteshaltungen, die hier erläutert wurden resultiert. 
Einen Beitrag zur Beschreibung des expressionistischen Stils habe ich in einem anderen Artikel beschrieben.

Ich schließe hier mit einem Zitat von David Lynch, den man durchaus als einen späten Verwerter expressionistischer Stilmittel und Geisteshaltungen bezeichnen kann. Es spiegelt für mich genau das wieder, was der Expressionismus im Großen und Ganzen versucht, nämlich den Menschen zu tiefen Emotionen zu bewegen, die auch frei von jeder logischen Erklärbarkeit liegen.[1]

„Das Kino kann die Zuschauer in eine Welt jenseits des Intellekts entführen, in der sie sich ganz und gar ihrer eigenen Intuition anvertrauen müssen. Es geht nicht darum, etwas zu verstehen, sondern darum, etwas zu erfahren.“ [2]



[1] Krause, Frank: Literarischer Expressionusmus. Fink: Paderborn 2008.
[2] David Lynch aus: Der Spiegel, Nr. 16/2007, S.192