13th Floor (1999) – Josef Rusnak

Was ist die Wirklichkeit?

„Ego cogito ergo sum“, heißt es in einer alten Weisheit der Philosophie nach René Descartes. Es bedeutet wir existieren, weil wir Denken, Handeln, Tun. Es geht also wie so oft in der Philosophie um die Frage des Seins. Was ist die Wirklichkeit? Warum existiere ich und wieso? Und so weiter… Der Mensch lebt demnach in dem Glauben, alles was er wahrnimmt und reflektieren kann sei wirklich. Das mag auch weitestgehend richtig sein. Hinter diesem Gedanken liegt auch die Möglichkeit, dass jeder seine eigene Vorstellung der Wirklichkeit hat. Damit wird jedoch nicht an einer allgemeinen Form der Wirklichkeit und Existenz gezweifelt. Weiter heißt es bei Descartes:

„Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“

Das heißt im Klartext, was auch immer ich aus meiner Position wahrnehme, der Beweis der Wirklichkeit bin doch immer noch ich, der diese Wahrnehmungen anstellt.

Die Wirklichkeit als Scheinwelt

Doch es gibt Denkansätze die einen solchen Erklärungsansatz in Frage stellen. Zumindest die persönliche Vorstellung der Wirklichkeit. Man denke hier an das Höhlengleichnis von Platon, das ich im Zusammenhang des Filmes Die Matrix schon mal erwähnt hatte. Hier leben Menschen in einer Welt, in der sie denken, handeln, ohne, dass diese in dem Sinne wirklich ist. Es ist eine Scheinwelt, aber dennoch existieren die Menschen darin wirklich. Um konkret über die Matrix zu sprechen: Neo ist Teil dieser Scheinwelt, ihm gelingt es sie zu hinterfragen und zu durchschauen. Er entdeckt, dass er wirklich ist, aber wohl die Welt um ihn herum eine falsche darstellt. Soweit so gut. Denn dieser Ansatz ist an dieser Stelle durch Descartes vertretbar.

The 13th Floor und oder die Matrix?

Im Film der 13.Flur (The 13th Floor) wird ein weitaus radikalerer Ansatz verfolgt. Und das, obwohl beide Filme sich einer Vorlage bedient haben, die sie dadurch auch in ihrer Geschichte ähnlich erscheinen lassen. Beide Filme bedienen sich beim Inventar von Gibsons Neuromancer und auch beim Science-Fiction Roman Simulacron-3. Der kleine aber feine Unterschied liegt hier aber in der Auslegung, wenn ich nochmal Descartes erwähnen darf. Im Roman Simulacron-3 geht es um eine Welt, die von Computern simuliert wird, in denen Menschen leben. In diesem Sinne ist diese Welt nicht wirklich. Wie auch in der Matrix. Doch in der Stadt von Simulacron-3, die durch ein System simuliert wird, sind nicht einmal die Menschen an sich wirklich. Sie sind die Einheiten in diesem System, das ebenso virtuell wie unwirklich ist.

Die Welt des 13th Floor

Der Programmierer Hannon Fuller hat eine lebensechte Simulation der Stadt Los Angeles aus dem Jahr 1937 nach dem Vorbild seiner Kindheitserinnerungen entwickelt. Die „Einheiten“, die in dieser Simulation leben, wissen nichts von der Existenz dieser Simulation. Sie halten das eigene Leben, die Scheinwelt, für wirklich. Zu Beginn des Films wird diese Hauptfigur Fuller ermordet. Denn sie hat ein Geheimnis entdeckt. Und sein Partner aus der Firma, Douglas, macht sich auf den Weg es herauszufinden. Fuller hat ihm einen Brief in der Simulation hinterlassen. Auf der Suche in der Simulation, finden allmählich auch die Menschen im simulierten Los Angeles heraus, dass ihre Welt nicht echt ist. Denn wenn man an das Ende der Stadt Los Angeles reist, offenbart sich, dass die Simulation hier endet. Man sieht eine Matrix aus dreidimensionalen Modellen und Strukturen, die sich irgendwo im Nichts auflösen. Hier offenbart sich nun auch endgültig der Sinn des Filmtitels. Die Server der Simulation befinden sich im dreizehnten Stock eines Gebäudes. Die Welt in dieses Servern existiert genau genommen nicht. Im kulturellen Verständnis, oder besser gesagt im Aberglauben der Amerikaner, ist die Zahl 13 mit ihrem Unheil und ihrer Mystik so allgegenwärtig, dass die meisten Gebäude keinen 13. Stock besitzen. Wie auch viele Airlines keinen Sitz Nummer 13 haben. Damit ist der 13.Stock eine Art Nicht-Ort, wenn man so will. Das Interessante am Film offenbart sich aber an dieser Stelle erst noch. Die „Anleitung“ das Ende der Welt und der Existenz zu entdecken funktioniert nämlich ebenso in der Welt, die über der simulierten existiert. Das heißt die vermeintliche Wirklichkeit. Douglas entdeckt, dass auch die eigene Welt eine Simulation ist, und das war das Geheimnis, das Fuller herausgefunden hatte.

Das Sein in der Unwirklichkeit der Matrix

Das Erstaunliche sind die Menschen in der Simulation, die Herausfinden, dass sie keine Menschen sind. Die Simulation scheint so perfekt zu sein, dass die Einheiten ebenso mit dem Wunsch nach Leben, einem regelrechten Vitalismus ausgestattet sind. Selbst als der Detective Larry McBain erfährt, dass er in einer Simulation lebt, ist sein Drang zu leben dennoch ungebrochen. Aber wie kann man in einer Welt existieren, von der man weiß, dass sie alles andere als wirklich ist und theoretisch mit einem Zug am Stromstecker aufgelöst werden kann? Die Welt über der Simulation wird damit zu einer gottgleichen Instanz der Schöpfung, die über Leben und Tod der Einheiten entscheiden kann. Na wenn das nicht der absolute Nihilismus des Seins ist! Alles ist sinnlos, nichts existiert und dennoch sind alle Einheiten Individuen mit denselben Ansprüchen, Reflexionen und Ängsten eines echten Menschen. Wenn man denn in diesem Zusammenhang überhaupt von echt sprechen kann. Es ist sogar so, dass die Einheiten der Welt so intelligent waren, eine eigene Simulation zu erschaffen.

Der Film hat ein Happy End, denn irgendwie gelingt es der simulierten Persönlichkeit von Douglas in die Realität zu kommen und dort seine Erfüllung in der Liebe zu einer Frau zu finden, die sich absurderweise in die simulierte Persönlichkeit von Douglas verliebt hat. Das reale Ich seines Körpers aber verachtet. Es findet hier sozusagen ein Switch der beiden Persönlkchkeiten statt. Damit liegen die Realität und die Simulation in einer engeren Verbindung zueinander, als man erwarten mag. Für den Zuschauer wird der Ausblick geschaffen, sich über das Sein und die Wirklichkeit Gedanken zu machen. Und das nicht in der Frage: „Lebe ich auch in der Matrix“, sondern dahingehend, was wir selbst als wirklich erachten. Damit schließt sich wieder der Kreis zu Descarte. Ist etwas wirklich, nur weil ich in der Lage bin darüber zu reflektieren? Die Antwort lautet unbedingt! So wie für einen Wahnsinnigen seine Welt wirklich ist. Wir sind alle Teil einer Wirklichkeit, die von der Vorstellung jedes Einzelnen derselben existiert. Es gibt nicht „die wahre Wirklichkeit“. Denn an dem Versuch diese zu Erkennen, beziehungsweise überhaupt kontrollierbar zu machen, sind schon viele Menschen gescheitert. Denn nicht selten offenbaren sich Zusammenhänge, die einem so unwirklich erscheinen, obwohl sie dennoch immer allgegenwärtig wahren, man sie aber aus der eigenen Welt heraus einfach nicht sehen konnte. Eine Sinnkrise zeichnet sich ab.

Verfilmung von Simulacron-3

Wie erwähnt bedienen sich die Filme Matrix und 13th Floor bei der Romanvorlage. Aber der Film 13th Floor ist in dem Sinne nichts neues. Es ist ein Remake eines alten Films des Prä-Cyberpunks der 60er Jahre von Rainer Werner Fassbinder. Vielleicht bekommt man ja nun auch Lust, sich in die ersten Jahre des Cyberpunks zu begeben. Interessant sind die alten Schinken der Science-Fiction allemal. Sie sind wie eine Zeitreise in das Inventar ihrer Zeit und in die Welt, die die damaligen Menschen für wirklich bzw. unwirklich hielten.

Info
Originaltitel The Thirteenth Floor
dt. Titel The 13th Floor – Bist du was du denkst? /
Abwärts in die Zukunft
Genre Science-Fiction-Thriller
Jahr 1999
Regie Josef Rusnak
Vorlage Simulacron-3
Stile Cyberpunk
ähnliche Filme Welt am Draht
Matrix
Tron
Neuromancer (Buch)